Die IT-Branche ist das zukünftige Testfeld für Employer Branding

Die IT- und Telekommunikationsbranche ist laut Bitkom der zweitgrößte Arbeitgeber in der deutschen Industrie. Ihr steht ein Kulturwandel bevor.

Vor zehn Jahren hatten wir der IT-Branche eine politische Grundsatzentscheidung zu verdanken: die erste deutsche Greencard. An den grundsätzlichen Problemen hat sich bis 2010 allerdings wenig geändert. Jetzt wird es spannend für die meisten Unternehmen. Sie werden in den nächsten Jahren einen Teil ihrer Innovationskraft dem Arbeitsmarkt widmen. Und sie werden ihre Unternehmenskultur ändern.

Derzeit arbeiten in der Branche rund 846.000 Menschen. Es könnten deutlich mehr sein. Der Branchenverband Bitkom erklärte schon im November 2009, dass es rund 20.000 offene Stellen für IT-Experten geben würde. Jedes dritte der von Bitkom befragten 1.500 Unternehmen beklagte den Fachkräftemangel. Im Juni 2010 war es dann schon jedes zweite Unternehmen, so Bitkom. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil.

Im zweiten Vierteljahr 2010 wuchs das Bruttoinlandsprodukt um 2,2 Prozent gegenüber dem ersten Quartal. Ein solches Wachstum habe es bisher noch nie im vereinigten Deutschland gegeben, vermeldete das Statistische Bundesamt. Überwunden hat Deutschland die Wirtschaftskrise des vergangenen Jahres damit noch nicht. Bisher haben die Unternehmen etwa 60 Prozent des Einbruchs des Vorjahres aufgeholt. Dennoch stieg die Zahl der Beschäftigten auf den Rekordwert von rund 40,3 Millionen. Schon bald werden wieder Überstundenkonten gefüllt und Belastungsgrenzen getestet.

Im Jahr 2015 werden dem Arbeitsmarkt 2,8 Millionen Fachkräfte fehlen. In 2030 werden es dann schon 5,5 Millionen sein. Die Lösung für Bitkom: Eine Modernisierung des Bildungssystems, die Steigerung des Frauenanteils in der Branche und eine aktive Zuwanderungspolitik. Das wird nicht reichen.

Dem einzelnen Unternehmen ist damit ohnehin kaum geholfen. Wer jetzt qualifizierte Arbeitskräfte braucht, der muss selber aktiv werden. Dabei gilt: Nur wer sich von der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt abhebt, wird die gewünschten Mitarbeiter gewinnen.

Jetzt den richtigen Draht finden zu interessanten Bewerbern. Das ist die Aufgabe für viele IT-Unternehmen.

Es gilt, deren Interessen auszuloten, sie gezielt anzusprechen und den Interessen gemäß zu handeln. Das wird einige Unternehmen richtig fordern. Denn die Generation Y, die nach 1980 Geborenen, hat deutlich höhere Ansprüche an den Arbeitgeber als frühere Generationen. Die Generation Z, die Menschen also, die ab 2020 im Berufsleben stehen werden, wird sich sehr stark von den vorherigen Generationen unterscheiden. Individualismus wird hier großgeschrieben.

Jedes Unternehmen ist auf seine Art einzigartig. Warum dies also nicht auch kommunizieren? Durch den Aufbau einer „Arbeitgebermarke“ (Employer Branding) erlangen Unternehmen eine Alleinstellung am Arbeitsmarkt und präsentieren sich als attraktiver Arbeitgeber. Durch Human Resources-Kommunikation zeigen sie, wie Bewerber bei ihnen arbeiten werden. Damit sprechen sie die gewünschten Kandidaten an und erleichtern die Entscheidung für das Unternehmen. Dabei reicht es nicht aus, durch Employer Branding das Unternehmen „anzuhübschen“. Was versprochen wurde, muss auch gehalten werden.

Es geht darum, die neuen Mitarbeiter an sich zu binden. Denn was bringt es, wenn die Newcomer nach drei Monaten das Unternehmen wieder verlassen? Weil die Unternehmenskultur so gar nicht mit den Aussagen der Recruiter oder der Website übereinstimmt. Wer geht, der berichtet auch anderen von dem Unternehmen, das das Blaue vom Himmel erzählt und nichts davon gehalten hat. Gerade die Generationen Y und Z haben kein Problem damit, solche Informationen breit im Web zu streuen.

Deshalb werden sich die Unternehmen vor der Wahl sehen, trotz massiver Werbung eine große Mitarbeiterfluktuation zu akzeptieren – oder ihre Unternehmenskultur zu ändern. Für viele Unternehmen der IT-Branche wird das zum spannenden Experiment der nächsten Jahre.

Dieser Beitrag ist der vierte Teil einer Serie zum Thema „Employer Branding“. Weitere Beiträge folgen in Kürze.