Ding Dong: Dachdecker mit dicker Hose suchen Verstärkung.

So sind sie also, die Dachdecker. Fahren Jeep Commander, schleppen schwere Hämmer und dicke Dübel mit sich herum. Hähä. Das hatten wir immer schon gewusst. Und jetzt suchen die Nachwuchs. Mit einem viralen Spot. Und alle Leute, die gerne einen Jeep Commander fahren oder schwere Hämmer und dicke Dübel mit sich herumschleppen würden, die sind ganz begeistert davon. Und wollen jetzt alle Dachdecker werden. Und sie deckten glücklich und zufrieden die Dächer aller Strohwitwen zwischen Leutkirch und Ilmensee. Und damit ist die Geschichte aus.

Was die Welt vor ein paar Tagen aus Ravensburg erreichte, erzeugt in der Blogger- und Werber-Szene gemischte Reaktionen. Ding Dong, so lautet der Name eines Videos auf YouTube, produziert im Auftrag der Dachdeckerinnung Oberschwaben. Die Handlung spielt mit allen Klischees, die es über Handwerker (und andere kernige Typen, die Jeep Commander fahren) so gibt. Hier kommt der Spot:

Ding Dong spielt in der gleichen Klasse wie der Spot des Österreichischen Bundesheeres und ist in etwa so innovativ wie der heutige Pirelli-Kalender. Aber um Innovation geht es hier nicht. Über 32.000 Aufrufe gab es auf YouTube. Ziel erreicht? Das kommt auf die Zielsetzung an. Und die Zielgruppen.

Nachwuchs möchte die Innung gewinnen, so der Innungsobermeister in der Schwäbischen Zeitung. Ein provokativer Spot sollte her. Auf YouTube. Denn dort findet sich die Zielgruppe ein, die jungen Menschen. Ob sie dort wirklich immer ist, das ist eine Frage, die ich in einem späteren Blogartikel ansprechen möchte. Wen sie vor allem ansprechen will, das hat die Dachdeckerinnung Oberschwaben unmissverständlich klar gemacht. Nun ist der Beruf des Dachdeckers kein Frauenberuf, wie Blogger-Kollege Henner Knabenreich auf personalmarketing2null vermerkte.

Mein Eindruck: Geht es nach den Dachdeckern aus Schwaben, dann soll er auch keiner werden. Denn dieser Spot ist etwas für Männer. Die scheinen sich auch zum Teil dort wiedergefunden zu haben, folgt man der Schwäbischen Zeitung oder den Kommentaren auf YouTube und in Blogs. In diesem Punkt stimme ich mit Henner Knabenreich nicht überein: Es gab nicht nur Ablehnung, es gab durchaus auch einige Zustimmung zu dem Spot. Wobei 24 Kommentare bei 32.000 Views auf YouTube nicht repräsentativ sind für die Meinung der Zuschauer.

Oft war sich die Zielgruppe nicht so sicher, was der Spot denn eigentlich bezwecken sollte: „Suggestiver Spot. Vielleicht soll er junge Leute dazu bringen Dachdecker zu werden, vielleicht aber auch Pornodarsteller…“ Für andere war die Sache klar: „Handwerker nach meinem Geschmack: Sie fahren Jeep Commander…“ „Dachdecker hätte man werden sollen…“

Und damit sind kommen wir zu fünf (plus x) wichtigen Fragen, die ich mir stelle, wenn es um Spots auf YouTube oder ähnliches geht. De facto sind es noch mehr, aber fünf sind hier erst einmal genug.

Die erste Frage: Spricht der Spot die Zielgruppe an? Zum Teil wohl schon. Wenn die Zielgruppe junge Männer sind, die zum Teil auch bereits als Dachdecker arbeiten. Potenzielle Auszubildende hingegen eher nicht. Zu dieser Ansicht kommt auch Frauke Schobelt in w&v. Zur Selbstbestätigung und zum auf die Schenkel klopfen (hähä) hingegen scheint der Spot für manche Handwerker und Nicht-Handwerker geeignet zu sein.

Die zweite lautet: Nimmt ihn die Zielgruppe überhaupt wahr, erreicht er sie? Dazu bald mehr.

Die Dritte: Welche Botschaften bringt der Spot? Da hakt es aus meiner Sicht. Der Spot soll Nachwuchs gewinnen UND richtet sich gegen Drückerkolonnen im Handwerk. Das ist das Standardmodell „zwei Fliegen mit einer Klappe“. Leider daneben gezielt. Das klappt nicht. Auszubildende werden sich durch diesen Spot nicht angesprochen fühlen. Lustig sein reicht nicht aus. Auch ein Schriftzug „Ausbildung gesucht?“ hilft nicht weiter. Einen Spot zum Thema „Qualität im Handwerk“ stelle ich mir ebenfalls etwas anders vor, aber das ist Geschmackssache.

Die vierte Frage: Reicht es aus, lediglich junge Männer anzusprechen? Das muss die Innung für sich beantworten. Klar ist, dass sich alle Gewerbe in einem Verdrängungswettbewerb befinden und der Dachdecker nicht zu den beliebtesten Berufen zählt. Der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) scheint das Thema etwas anders zu sehen. Auch Mädchen scheinen gefragt. Folglich gibt es auch für die Dachdecker den Girls‘ Day. Und es gibt noch eine weitere Zielgruppe: „Ein besonderes Augenmerk sollte dabei auch den Jugendlichen mit Migrationshintergrund gelten“. So der ZVDH.

Die fünfte Frage: Passt der Spot zum bundesweiten Auftritt der Dachdecker, zum angestrebten Image dieses Handwerks? Nein. Laut ZVDH wird im Dachdeckerhandwerk „innovativ, kreativ und mit High-tech-Ausstattung“ gearbeitet. Na ja, vielleicht ist das bei diesem Drückerkolonnen im sonnigen deutschen Süden (seufz, das Wetter in Hamburg) anders. Einen schönen 11.11. noch!

Siehe auch die Kommentare auf personalmarketing2null und  Ausbildungsmarketing.