Investitionen in Bildung lohnen sich: Deshalb sind sie in Deutschland besonders niedrig?

Einen guten Einblick in die Welt der mancher PR-Menschen bietet die Diskussion der Studie „Bildung auf einen Blick 2011“ der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Am 13. September öffentlich vorgestellt, vergleicht sie langfristige Trends in allen OECD-Ländern. Das Ergebnis ist wieder mal eine Klatsche für die Bundesregierung.

Die wiederum bejubelt die Studie in einer Pressemitteilung als besonders positiv für Deutschland. Die für Außenstehende leicht nachvollziehbare Verdrehung von Fakten sollte den Presseleuten der Bundesbildungsministerin eigentlich hochgradig peinlich sein. Ich befürchte, dem ist nicht so.

Headline der Pressemitteilung: „In Deutschland lohnt sich Bildung ganz besonders“. Lead: „…Investitionen in Bildung zahlen sich aus – sowohl individuell, als auch volkswirtschaftlich. In Deutschland liegt die Rendite fast doppelt so hoch wie im OECD-Durchschnitt…“ Stimmt, das hatte die OECD bestätigt. Hier liegt Deutschland auf Rang zwei nach den USA. In allem anderen nicht.

"Investitionen in Bildung zahlen sich aus"

Wenn diese Renditen erkennbar so hoch sind, dann frage ich mich, warum zwischen 1995 bis 2008 die Ausgaben für Bildung von 5,1 auf 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken sind. Der OECD-Durchschnitt beträgt im übrigen 5,9 Prozent. Darauf geht die Schavan-Crew lieber nicht ein, sondern spricht vom „Anteil der öffentlichen Ausgaben für Bildung“, der überdurchschnittlich gestiegen sei. Allerdings wird zugestanden, dass die Ausgaben „noch immer unter dem internationalen Durchschnitt liegen“ würden. Aber schon in 2015 sollen sie dann zehn Prozent des BIP betragen. Da bin ich mal gespannt.

Warum in den 60er Jahren in Deutschland 19 Prozent der Erwachsenen einen Hochschulabschluss oder den Meister gemacht haben und es jetzt schlappe 26 Prozent sind, darauf kontern Schavan & Co. mit der „Studienanfängerquote“. Die sei rasant gestiegen. Die OECD spricht über Äpfel, das Bundesbildungsministerium über Birnen. Zur Orientierung: Der OECD-Durchschnitt ist in dem genannten Zeitraum von 13 auf 37 Prozent gestiegen. Schlechter als Deutschland geht es also kaum. Immerhin: Die vom Bildungsministerium genannte Studienanfängerquote von 40 Prozent (2009) lässt hoffen.

Abgehängt durch Japan und Korea: Enorme Steigerung in Deutschland?

Pisa-Koordinator Andreas Schleicher kritisierte vor allem die niedrigen Ausgaben für Grundschüler. Nun wissen wir, dass gerade im Zeichen des demografischen Wandels ein großes Arbeitskräftepotenzial bei „jungen Menschen mit schlechten Startchancen“ liegt. Hier könnte Annette Schavan einfach mal bei Kollegin Ursula von der Leyen nachfragen, die ihr das bestätigen würde. Es gibt sogar, man höre und staune, ein Konzept zur Fachkräftesicherung, das vom Bundeskabinett am 22. Juni 2011 verabschiedet wurde. Ein Ziel des Programms: „Bildungschancen für alle von Anfang an“.

Warum also gibt die Bundesregierung für Grundschüler deutlich weniger aus als die meisten anderen Länder? Kein Anschluss unter dieser Nummer. Die Antwort der PR-Strategen des Bundesbildungsministeriums: „Bund und Länder werden in ihren Anstrengungen nicht nachlassen, noch mehr Menschen den Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen“. Lieber nicht konkret darauf eingehen, besser keine Zahlen nennen.

Kommentar der Hochschulrektorenkonferenz: „Die diesjährigen Ergebnisse der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ zeigen, dass Deutschland im Wettkampf um das beste Ausbildungssystem weiter an Boden verloren hat.“ Andreas Schleicher sah es ähnlich. Er lobte im Rahmen der Pressekonferenz mit dem Bundesbildungsministerium, dass in Deutschland „seit Pisa viel in Bewegung gekommen sei“. Leider sei aber „Deutschlands Anteil am globalen Talentpool deutlich geschrumpft“. Dieses Zitat brachte das Bundesbildungsministerium doch lieber nicht.

Nun würden sich viele Unternehmen wünschen, dass mehr in die Primär- und Sekundarbildung investiert würde. Denn viele Schulabgänger sind nicht ausbildungsreif. Es fehlt sowohl an fachlichen als auch an sozialen Kompetenzen. Viele Unternehmen sind auch bereit, sich hier zu engagieren.

Es wird Zeit für eine offene Diskussion, der sich die Politik stellen sollte. Karten auf den Tisch, kein Herumlavieren mehr. Das wäre ehrlich. Das würde dann auch eine solide Arbeitsgrundlage bedeuten. Leicht zu durchschauendes PR-Gedudel wie das der Pressestelle der Bundesbildungsministerin ist genau das Gegenteil von offener Kommunikation. Der sich ja auch die PR-Branche verschrieben hat, die in den Statuten des Deutschen Rates für Public Relations (DRPR) von „korrekter Informierung und Unterrichtung von Presse und Öffentlichkeit“ spricht. 😉

Gerade solche Pressemitteilungen und Verlautbarungen unterstützen die Politikmüdigkeit der Bürgerinnen und Bürger und die PR-Müdigkeit der Medien. Sie nützen weder dem Absender noch den Adressaten. Sie sind zudem angesichts der von diversen Politikern und Unternehmen bereits geführten Diskussion über Fachkräftesicherung und -Qualifizierung nicht mehr zeitgemäß. Bitte führt die Diskussion offen. Das würde uns allen helfen und die Arbeit an Lösungen ermöglichen.

Zwei Sätze zur Ermutigung. Die Erwartungen der Bundesbürger an die Dialogfähigkeit und -Bereitschaft unserer Politiker könnten kaum geringer sein. Jeder noch so kleine Versuch einer offenen und ehrlichen Kommunikation würde als echte Innovation wahrgenommen werden.

Soweit meine Predigt zum Samstagabend.