Nachwuchskampagnen (3): Aus der Sicht der Auszubildenden kommunizieren. Mitarbeiter für sich sprechen lassen.

Wie finde ich motivierte und fähige Auszubildende? Diese Frage stellen sich Handwerk und Industrie seit einiger Zeit. Und starten aufwendige Nachwuchskampagnen. Es gibt wenige gute Vorbilder, an denen sie sich orientieren könnten. Eines stelle ich hier vor. Dies ist der letzte Teil des dreiteiligen Interviews mit Sebastian Manhart, Geschäftsführer der Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie (V.E.M.). Die Themen heute:

  • wie die V.E.M. ihre Mitgliedsunternehmen in die Kampagne einbindet
  • wo  Sie mit Ihrer eigenen Kampagne beginnen sollten
  • das Regionalmarketing der V.E.M.

Die wohl schwierigste Frage für viele Verbände lautet: Wie binde ich meine Mitgliedsunternehmen in die Aktivitäten ein? Wie motiviere ich sie, selber aktiv zu werden?

Wir bemühen uns, so viele Infos wie möglich aus den Unternehmen für die Webseite zu bekommen. Ein springender Punkt ist, dass viele Unternehmen im B2B-Geschäft tätig sind. Messeauftritte und Fachpresse, da sind die erstklassig, das können die im Schlaf. Unternehmens-Themen für die Tagespresse, Magazine, Radio oder TV aufzugreifen, das hingegen war bisher nicht notwendig. Da fehlt es einfach an Kapazitäten und zum Teil auch am Know-how.

Sebastian Manhart, V.E.M.

Hier versuchen wir, zu unterstützen. Mit den Social Media Days, mit denen wir den Unternehmen den Einsatz sozialer Netzwerke näher bringen. Durch Presseworkshops und Trainings. Die Unternehmen haben sehr viel zu erzählen. Das sollten sie auch viel stärker tun. In der Lehrlingswerbung hingegen sind sie sehr aktiv. Unser Fokus ist aber deutlich breiter. Dennoch bleibt noch viel zu tun. In Zusammenarbeit mit der Universität Friedrichshafen haben wir eine Medienresonanzanalyse gemacht. Deren Aussage lautet auf einen Satz gebracht: „Ihr seid nicht präsent genug“.

Wir arbeiten in Arbeitskreisen und vielen anderen Gremien zusammen – vorwiegend auf Geschäftsleiter- und Personalleiterebene sowie in der Ausbildung. Im Sommer haben wir ein Projektteam mit unseren größten Unternehmen gegründet, das derzeit an einer zeitgemäßen Arbeitgeberpositionierung arbeitet, auf die jedes Mitgliedsunternehmen individuell hinarbeiten sollte. Dort sind Leute aus dem Personalbereich, aus der Kommunikation und der Technik mit dabei.

Bei einer Positionierung geht es um den Abgleich der eigenen Ziele und Werte mit denen der Zielgruppen. Wie gehen Sie da vor?

Richtig. Die Erwartungen unserer Zielgruppen spielen eine entscheidende Rolle. Deren Interessen versuchen wir durch Befragungen herauszufinden. Wir planen Dialogveranstaltungen mit Lehrlingen und Eltern. Zum Beispiel eine Open Space-Veranstaltung im Mai in Kooperation mit der FH Vorarlberg zum Thema „Sagt uns, was Euch bei der Wahl des Arbeitgebers wichtig ist.“ Infos zu diesen Einstellungen und Werten sind nicht leicht zu bekommen.

Viele Handwerksverbände gehen zurzeit mit eigenen Kampagnen an den Start. Was würden Sie denen raten?

Ich habe das Gefühl, dass oft die Zusammenarbeit der Unternehmen im Hintergrund nicht funktioniert – die Braut muss erst geschmückt werden, bevor ich sie anpreisen kann. Darum arbeiten wir alle gemeinsam hart an der Ausbildungsqualität und –Kultur. Nur ein schönes Mäntelchen umhängen, das funktioniert nicht.

Wichtig ist es, alles aus Kundensicht zu betrachten. Nicht bunt und schillernd zu gestalten, wenn das der inhaltlichen Prüfung nicht standhält.

Immer fragen: Was erwarten die Zielgruppen von mir? Nicht nur denken: Was würde ich sagen?

Die Ansprüche der Generation Y, der zwischen 1980 und 2000 Geborenen, an potenzielle Arbeitgeber sind deutlich höher als die früherer Generationen. Unterstützt die V.E.M. ihre Unternehmen dabei, sich auf die Ansprüche und Bedürfnisse der zukünftigen Mitarbeiter einzustellen?

Das spielt eine große Rolle. Im Lehrlingsbereich haben wir das im Griff, dort ist bei praktisch jedem Unternehmen die Kultur schon entsprechend, die sind direkt am Puls der Zeit. Mit den Absolventen der Unis schaut das anders aus. Wir wissen leider nicht im Detail, was für Akademiker wirklich relevant ist und womit wir punkten können. Da arbeiten wir gerade daran. Danach müssen sich aber auch noch die Unternehmen entsprechend ausrichten. Das braucht Zeit.

Die Ausbildung von Lehrlingen ist ein erheblicher Kostenfaktor für die Unternehmen. Deshalb ist es wichtig, sie auch nach Lehrabschluss zu binden. Wir haben in einer Stichprobe festgestellt, dass ein Unternehmen mit Kosten in Höhe von zirka 80.000 Euro pro Lehrling für eine vierjährige Lehre zu rechnen hat. Hier haben wir die Kosten der Ausbildung deren Leistungen in der Produktion gegengerechnet.

Das Handwerk gilt ja bei vielen Jugendlichen als anstrengend und schmutzig. Wie gehen Sie damit um?

In der Industrie haben Sie es oft gar nicht mehr mit harter körperlicher Arbeit zu tun. Die Jobs sind oft hochtechnisch, schmutzig macht man sich da eher weniger. Aber dieses Bild hängt noch in den Köpfen der Menschen drin. Und daran arbeiten wir. Wir kämpfen darum, mit dem Thema Lehre in den Betrieben stärker in die Breite zu kommen. Mitarbeiter sind die besten Botschafter jedes Unternehmens. Sie sollten möglichst ausführlich die Möglichkeiten in der Ausbildung kennen und darüber erzählen können.

Es konkurrieren nicht nur Branchen und Unternehmen um Fachkräfte, sondern auch die Regionen. Die Initiative Karriere mittendrin wirbt für das Vorarlberg. Was macht die Initiative konkret?

Die Initiative Karriere mittendrin gibt es seit 2009. Träger sind die Wirtschafts-Standort Vorarlberg GmbH und die Wirtschaftskammer Vorarlberg. Karriere mittendrin soll in erster Linie technische Studenten ansprechen und bei ihnen das Interesse am Standort Vorarlberg wecken. Ein solcher Schritt war angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels nötig.

Unsere Unternehmen konkurrieren einerseits mit dem höheren Lohnniveau in der Schweiz. Was derzeit durch den hohen Frankenkurs noch erschwert wird. Andererseits konkurrieren wir an Universitäten mit prominenten Autokonzernen und Zulieferern. Alle sprechen die gleichen Zielgruppen an: Ingenieure. Wir müssen hier durch kleine, clevere Aktionen punkten. Mit den gleichen Mitteln wie Bosch, Siemens, Audi oder Daimler können wir nicht auf uns aufmerksam machen.

Wer bei einem Konzern anfängt, der möchte in der Regel sowieso nicht im Mittelstand arbeiten.

Das kann sein. Oft haben aber Kandidaten nur die prominenten Namen auf dem Schirm. Das wollen wir ändern.

Und dann gibt es noch die Initiative „Karriere im Süden“. Sind Sie da auch dabei?

Ja, wir haben uns mit dem Landkreis Ravensburg und dem Bodenseekreis zusammengeschlossen. Ziel ist es, ein Gegengewicht zu den Metropolregionen zu bilden. Wir richten uns an Hochschulabsolventen insbesondere aus den technisch und naturwissenschaftlich orientierten Studienrichtungen. Wir vermarkten die Region auf Hochschul- und Absolventenmessen. Daneben organisieren wir Exkursionen in unsere Region.

Wo sehen Sie für die Zukunft die größten Herausforderungen für die V.E.M.?

Ich bin jetzt drei Jahre bei der V.E.M.. Wir stehen an einem Wendepunkt, den ich mit dem Szenario damals bei der Gründung der V.E.M. vergleichen würde. Es geht um eine mittel- bis langfristige Überlebensstrategie für den Standort Vorarlberg. Wir haben einen Prozess angestoßen, der langsam beginnt, Früchte zu tragen. Aber es liegt noch viel Arbeit vor uns.

Die Zahl der Lehrstellensuchenden wird deutlich sinken. Das ist eine erhebliche Herausforderung.

Zudem sind die Lohnkosten im Vorarlberg recht hoch. Dies bedeutet einen steten Druck auf unsere Unternehmen, einen Innovationsvorsprung vor den Mitbewerbern zu wahren. Dafür brauchen die aber Top-Mitarbeiter. Es wird also in Zukunft nicht leichter werden.

Wir erstellen gerade eine Studie, die sich mit der Frage beschäftigt, was alles von unserer Industrie abhängt. Welche Folgen es für den Wirtschafts- und Lebensraum Vorarlberg haben würde, wenn es sich die Elektro- und Metall nicht mehr leisten könnte, in Vorarlberg zu produzieren.

Wenn es um den demografischen Wandel geht, dann höre ich von vielen Unternehmen: Keine Panik, da ist ja noch soviel Zeit. Kennen Sie das?

Natürlich gibt es das. Aber hier bei uns im Vorarlberg weiß jeder, was auf uns zukommt. Die ersten Vorboten spüren wir ja jetzt schon.

Oft fehlt der langfristige Blick in Sachen Fachkräftemangel. Hier unterscheiden sich börsennotierte Unternehmen vom oft eigentümergeführten Mittelstand wie in Vorarlberg, der längerfristiger planen kann. Um eine entsprechende Datenbasis zu haben, haben wir letztes Jahr eine Erhebung bei allen Vorarlberger Unternehmen durchgeführt, wie sie den zukünftigen Mitarbeiterbedarf einschätzen. Dabei haben wir Fachrichtung und Qualifikationsniveau abgefragt. Bei den größten sich abzeichnenden Lücken setzen wir seither an.

Lesen Sie auch die umfangreiche Fallstudie von Henner Knabenreich auf personalmarketing2null zum Einsatz von Social Media bei der V.E.M.!

Der karriere.blog der österreichischen Online-Jobbörse karriere.at hat einen sehr lesenswerten Auszug des Interviews veröffentlicht.

Sie möchten, dass wir über Ihre Nachwuchskampagne berichten? Dann sprechen Sie uns an.

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