Nachwuchskampagnen (1):
Werbung allein reicht nicht aus. Der Weg zu den Auszubildenden führt über das Gespräch. Und die Eltern.

Wie finde ich motivierte und fähige Auszubildende? Diese Frage stellen sich Handwerk und Industrie seit einiger Zeit. Und starten aufwendige Nachwuchskampagnen. Es gibt wenige gute Vorbilder, an denen sie sich orientieren könnten. Eines stelle ich hier vor. Dies ist der erste Teil des gestern angekündigten dreiteiligen Interviews mit Sebastian Manhart, Geschäftsführer der Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie (V.E.M.). Die Themen heute:

  • der Lehrstellenmarkt vor Ort
  • wo und wie ich zukünftige Auszubildende ansprechen kann und
  • warum es wichtig ist, bei der Werbung um Auszubildende die Eltern mit ins Boot zu holen.

 

 

Welche Chancen ergeben sich für Unternehmen bzw. für eine Region durch eine Organisation wie die V.E.M.?

Vor 40 Jahren war das Bundesland Vorarlberg stark textillastig. Durch die aufkommende Metallindustrie entstand ein enormer Bedarf an Facharbeitern in diesem Bereich. Die Erkenntnis, dass diese Facharbeiter nicht „importiert“ werden konnten sondern selbst ausgebildet werden müssen, war die Grundüberlegung hinter der Gründung der V.E.M. Hier arbeiten in etwa 120 Unternehmen aus der Vorarlberger Elektro-, Elektronik- und Metallindustrie zusammen.

Die V.E.M. war nie vorwiegend marketingorientiert. Wir arbeiten inhaltlich, auf vielen Ebenen. Wir legen Ausbildungsprogramme auf, entwickeln Lehrberufe weiter. Der Qualitätsaspekt der Ausbildung spielt eine sehr starke Rolle.

Hier ein Beispiel. Wir haben 120 Mitgliedsunternehmen. Die Hälfte davon bildet Lehrlinge aus. Unser Grundsatz lautet, dass diejenigen, die nicht ausbilden, sich an dem Aufwand der anderen beteiligen.

In der Mitte der Ausbildungszeit, gegen Ende des 2. Lehrjahres, veranstalten wir Lehrlingsleistungswettbewerbe. Diejenigen Unternehmen, deren Lehrlinge diese Wettbewerbe positiv absolvieren, erhalten eine Ausbildungsprämie in Höhe von 4.500 Euro pro Lehrling, die aus dem gemeinsamen Topf entnommen wird. Damit motivieren wir unsere Unternehmen, die Qualität der Ausbildung zu sichern und zu verbessern.

Durch die V.E.M. erhöhen sich die Chancen der Unternehmen in der Region. Durch eine deutlich verbesserte Ausbildung. Und durch höhere Standards.

Und natürlich durch das Marketing

Ja, natürlich. Die V.E.M. ist das Silbertablett für die Unternehmen. Hier präsentieren sie sich.

Wie ist die Situation auf dem Lehrstellenmarkt heute? Wie schätzen Sie den Trend für die Zukunft ein?

Der Trend für die Zukunft ist absehbar und erfordert schnelles Handeln. In 2011 hatte von den 4.700 15-jährigen Schülern im Vorarlberg jeder zweite vor, eine Lehre aufzunehmen. In 2012 wird es 400 Schüler weniger geben und in 2013 schließlich wird die Zahl auf 3.900 Schüler sinken. Der starke Rückgang in den Schülerzahlen geht zu fast 100 Prozent zu Lasten der Lehrberufe. Unser Ziel ist es, dass die Lehre den gleichen Stellenwert erhält wie eine schulische Ausbildung. Eine Maßnahme ist der jährliche Lehrlingsball, der mit einem Maturaball vergleichbar ist. Er ist mittlerweile der größte Ball Vorarlbergs.

Wo und wie sprechen Sie die potenziellen Auszubildenden an?

Unsere Webseite ist der Anlaufpunkt für Alle. Hier lenken wir die Jugendlichen hin. Aber auch deren Eltern. Wir schalten Print-Anzeigen und erstellen Beilagen sowie redaktionelle Beiträge, so Journale zu Ausbildung und Weiterbildung. Im ORF und regionalen Kabelkanälen senden wir TV-Spots zu Lehrlingsberufen. Auch die Unternehmen investieren sehr viel in Werbung, vor allem Außenwerbung. Das ist extrem angewachsen in den letzten Jahren.

Sie haben auf Ihrer Webseite eine eigene Rubrik „Eltern“. Kaum ein Verband spricht die Eltern gezielt an. Warum die Mühe?

Nach unserer Erfahrung gibt es drei Motivationsfaktoren, die die Berufswahl der Jugendlichen beeinflussen. Entweder sie interessieren sich selber für einen bestimmten Beruf. Das wäre am schönsten, ist aber leider relativ selten der Fall. Dann spielen die Freunde eine wichtige Rolle. Und schließlich sind es die Eltern oder Großeltern. Ich muss die Eltern mit im Boot haben. Das ist der entscheidende Faktor, wenn es darum geht, Lehrlinge für uns zu gewinnen.

Der V.E.M.-Lehrlingsblog

Wie binden Sie die Eltern und andere Menschen, die Auszubildende bei der Wahl ihres Berufes beeinflussen, in Ihre Arbeit ein?

Wir sind sehr gut mit dem gesamten Ausbildungsbereich vernetzt. Derzeit sind wir gerade in der Pilotphase eines sehr breit angelegten Projektes, das sich als Standard etablieren soll. In Dialogveranstaltungen versuchen wir, Eltern mit Kindern im Kindergartenalter kennen zu lernen und anzusprechen. Wir wollen erfragen, wo und in welcher Form Eltern Unterstützung benötigen. Nach unserer Erfahrung ist bei Kindern das Interesse an Technik groß. In der Schule rückt Technik dann in den Hintergrund. Es geht uns darum, im Kindergarten das technische Interesse zu wecken und dann zu wahren. Deshalb halten wir Kontakte zu Kindergärten und zu Schulen.

Wir versuchen, den Kontakt zu den Eltern über die Jahre zu pflegen, durch regelmäßige Informationen, durch Newsletter und bestimmte Angebote auf unserer Webseite.

Unsere Mitgliedsunternehmen halten den Kontakt mit ihrer näheren Umgebung. Zu den von ihnen durchgeführten Veranstaltungen erhalten wir regelmäßig Auswertungen. Diese erlauben es uns, die zukünftigen Auftritte zu optimieren. Uns kommt es darauf an, nicht nur Werbung zu betreiben. Der Dialog steht im Vordergrund.

Darin unterscheiden Sie sich von vielen Kampagnen in Deutschland. Hier ist Werbung das Mittel der Wahl.

Damit erreichen Sie die Lehrlinge nicht ausreichend. Sie müssen vor Ort tätig sein. Klassische Kommunikationsmaßnahmen – und da zähle ich mittlerweile Social Media auch schon dazu – können nur dazu führen, dass wir mit unserem Möglichkeiten überhaupt auf dem Radar der Jugendlichen und Eltern erscheinen. Dafür sind sie auch zwingend nötig. Das alles Entscheidende ist aber nach wie vor der persönliche Kontakt und dabei die Möglichkeit zu schaffen, dass unsere technischen Berufe erlebbar gemacht werden.

Wie sieht es mit den Lehrern aus? In Deutschland arbeiten nicht wenige Initiativen eng mit den Schulen zusammen.

Im Lehrlingsbereich gibt es enge Kooperationen mit den Schulen. Wir kooperieren mit den Polytechnischen Schulen und Mittelschulen. Auch mit den HTL ist die Zusammenarbeit recht eng. Es gibt auf Unternehmensebene viele kleine Projekte. Gemeinsam dotieren wir Fonds an den drei Vorarlberger HTL-Standorten, aus denen Maschinen und außerlehrplanmäßige Ausbildungen wie Rhetorik-Kurse oder Austauschprogramme finanziert werden.

In Deutschland gibt es „Schnupper-Praktika“ oder „-Wochen“.

Das machen wir auch. Das ist bei den Polytechnischen Schulen üblich. Leider weniger im Gymnasium oder in den Mittelschulen.

Bei uns klagen viele Unternehmen über die fehlende Ausbildungsreife der Lehrlinge. Es fehle an der fachlichen und vor allem an der sozialen Kompetenz.

Das ist ein Problem. Wir unterstützen die Schulen bei der Anschaffung von adäquaten Maschinen und durch einen stetigen direkten Kontakt zu Unternehmen beim Know-how-Aufbau. Wir testen seit 2 Jahren den Einsatz von unterstützenden Tools wie beispielsweise die Mathematik-Plattform Mathe plus. Mehr Sorgen bereitet mit derzeit aber die steigende Anzahl der Jugendlichen mit schwindendem Interesse an ihrer Zukunft.

Social Media & Co.: Morgen erfahren Sie, welche Netzwerke die V.E.M. für die Ansprache ihrer Zielgruppen nutzt. Und wie erfolgreich das ist.

Lesen Sie auch die umfangreiche Fallstudie von Henner Knabenreich auf personalmarketing2null zum Einsatz von Social Media bei der V.E.M.!

Der karriere.blog der österreichischen Online-Jobbörse karriere.at hat einen sehr lesenswerten Auszug des Interviews veröffentlicht.

Sie möchten, dass wir über Ihre Nachwuchskampagne berichten?

Dann sprechen Sie uns an.