Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt: Work-Life-Balance ist überflüssig?

Denken im Pippi-Langstrumpf-Modus („Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“) vermeidet den manchmal schmerzhaften Aufwand für einen Perspektivenwechsel und erleichtert die Meinungsfindung. Diese Denkweise kommt gar nicht mal so selten bei Erwachsenen vor, vor allem bei Politikern und Journalisten, so mein Eindruck, und ist deshalb keineswegs ehrenrührig. Man muss nur auf die gelegentliche Konfrontation mit der Realität gefasst sein.

Womit wir beim Thema wären. Work-Life-Balance, die Trennung von Arbeit und Leben, sei „Bullshit“, weil es eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit nicht geben würde, meint Thomas Vašek. Arbeit gehöre zum Leben und eine Welt ohne Arbeit sei nichts, was wir uns wünschen sollten. „Work-Life-Bullshit“ lautet dementsprechend auch der Titel seines Buches zum Thema.

Was Thomas Vašek über die Arbeit denkt und auf Welt Online publiziert, das bedarf der Diskussion. Vor allem, wenn eine so vehemente Verteidigung der protestantischen Arbeitsethik vom einem Chefredakteur eines philosophischen Magazins kommt. Wir erinnern uns: Bei den alten Griechen war körperliche Arbeit verpönt und das hochgeschätzte „Philosophieren“ setzte Muße voraus. Soweit Wikipedia. Muße scheint nun wahrlich nicht etwas zu sein, was Thomas Vašek befürworten würde.

Jan C. Weilbacher hatte sich im Human Resources Manager sehr kritisch mit dem Beitrag auf Welt Online auseinandergesetzt. Ich möchte hier noch einmal nachlegen. Meine These: Das von Thomas Vašek propagierte Weltbild ist einerseits möglicherweise die Zukunft für einige Menschen, längst aber nicht für alle, und liegt andererseits so weit neben der Realität, dass es schmerzt. Thomas Vašek outet sich als Mitglied einer Elite, die völlig die Bodenhaftung verloren hat. Und als jemand, der den Schuss des demografischen Wandels nicht gehört hat.

Fangen wir mit dem Schuss an. Wenn die Generation Y auf Work-Life-Balance Wert legt, dann wird diese in Zukunft in den Unternehmen eine Rolle spielen. Das tut sie jetzt schon. Der Bewerber (= “Kunde“) bestimmt, was in den Unternehmen passiert. Heute ist der Arbeitsmarkt ein Bewerbermarkt, zumindest in vielen Berufen. Journalisten und Philosophen mögen damit hadern, ändern tut das nichts.

Es geht dabei nicht um die von Thomas Vašek vehement kritisierte strikte Trennung von Arbeit und (sonstigem) Leben, sondern um deren Vereinbarkeit. Deshalb heißt es auch „Work-Life-Balance“. Gerade die Generation Y vermischt Arbeit und andere ihr wichtige Lebenstätigkeiten. Das bedeutet, dass ich durchaus am Wochenende arbeiten kann und will, dann aber am Montag etwas anderes machen möchte. Oder dass ich einen Tag bis Mitternacht arbeite, am nächsten Tag dann deutlich weniger. Oder dass ich um 23:00 Uhr Mails abfrage, dies aber zu Hause tue. Und dann wieder in den Freizeitmodus gehe. Es geht um unterschiedliche Lebensentwürfe, die heute in der Arbeitswelt gelebt werden wollen.

Einem Menschen, der sich in erster Linie durch die (Erwerbs-)Arbeit definiert, fällt es in der Regel schwer, zwischen unterschiedlichen Ansprüchen (Familie, Partner oder Partnerin, Kinder, Freunde, Kunden, Arbeitgeber, Karriere) auszugleichen und alles unter einen Hut zu bringen. Ich unterstelle, dass es vielen Menschen der Generation der Baby Boomer oder auch der Generation X so gehen dürfte.

Nun ist es aber so, dass Generation Y auf Familie und Partnerschaft mehr Wert legt als frühere Generationen und gleichzeitig durchaus leistungsbereit in der Erwerbsarbeit ist. Für sie ist beides wichtig. Der Ansatz von Thomas Vašek negiert die Tatsache, dass es neben der Arbeit noch andere wichtige Dinge im Leben gibt, die ihr durchaus gleichwertig sind. Er fokussiert sich auf die Erwerbsarbeit. Diese hat für ihn absolut Vorrang.

Thomas Vašek bekennt, ohne seine Arbeit nicht leben zu können. Er hat etwas gefunden, was ihn ausfüllt, was er mit ganzem Herzen macht. Allerdings scheint die Arbeit bei ihm einen vielleicht doch zu hohen Stellenwert einzunehmen. Wenn ihr Verlust ihn so erkennbar stark stört, dann scheint es an einem gesunden Ausgleich zur Arbeit zu fehlen. Oder er bewertet die (Erwerbs-) Arbeit als Wert an sich zu stark. Das kommt allzu oft vor – und das kann unglücklich machen, wie Thomas Vašek selber schreibt.

Denn diese so wichtige Arbeit ist nicht immer da, wenn man sie braucht. Das müssen immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft erfahren. Einige finden das gut, denn sie wollen den Ausgleich, die Muße zwischen zwei Jobs. Es werden immer mehr werden. Dazu habe ich auf saatkorn ein spannendes Interview von Gero Hesse mit dem Trendforscher Sven Gábor Jánszky gefunden. Hier sprechen wir über die Zukunft, wie vorhin erwähnt, über „fluide Unternehmen“ und „Caring Companies“. Eine spannende Lektüre, die Thomas Vašeks Verständnis einer „guten“ Arbeit in gewisser Hinsicht untermauert.

Die meisten Menschen aber leiden unter der periodischen oder permanenten Abwesenheit der Arbeit, weil sie bis zu den Haarspitzen mit der protestantischen Arbeitsethik abgefüllt sind. Die da lautet: Nur wer arbeitet, ist gut und wertvoll.

Was Thomas Vašek als seine Arbeit beschreibt, das ist selbstbestimmte Arbeit. Als Chefredakteur, als Kreativer, der sein Werk stolz begutachten kann. Die meisten Menschen sind dazu leider nicht in der Lage, obwohl es ihnen ohne Zweifel gut tun würde. Sie müssen arbeiten, um zu leben, aber sie müssen ihre Arbeit nicht lieben. Sie schaffen oft erstaunlich kreative Dinge in ihrer Freizeit, weil sie da selbstbestimmt arbeiten können. Im Job können sie das nicht. Wenn Unternehmen diese Kreativität fördern würden und auf den Job übertragen könnten, dann wären wir einen großen Schritt weiter. Dies könnte in Zukunft durchaus Realität sein.

Eine Welt ohne Arbeit ist nichts, was wir uns wünschen sollten, meint Thomas Vašek. Oh, please. Mit einem gewissen Vergnügen bringe ich jetzt den in Politik und Wirtschaft so beliebten Glaubenssatz „wer Arbeit sucht, der findet auch welche“. Passt so? Nein, leider nicht. Heute müsste es in Deutschland heißen „wer einen Niedriglohnjob sucht, findet auch einen“.

Jedem vierten Deutschen geht das heute so. Jede zweite Neueinstellung läuft zudem über einen Zeitvertrag, so Spiegel Online. Eine Welt ohne Arbeit, zumindest ohne anständig honorierte und dauerhafte Arbeit, ist für viele Menschen Realität, trotz der Unternehmen, die händeringend Fachkräfte suchen und einer in den Medien für 2014 prognostizierten Vollbeschäftigung. Die Menschen haben sich diesen Zustand nicht gewünscht, aber meistern ihr Leben dennoch erfolgreich.

„Wer die Arbeit verachtet, verachtet die arbeitenden Menschen“ – dieser Satz von Thomas Vašek ist reine Polemik. Was will der Autor damit bezwecken?

„Und am unglücklichsten sind meist jene, die überhaupt keine Arbeit haben“, schreibt Thomas Vašek. Dies ist eine Unterstellung, die von den eigenen Werten ausgeht. Es fehlt nicht an Arbeit, es fehlt an erfüllender Arbeit – und oft genug fehlt es an ernährender Arbeit. Deshalb sind Menschen unglücklich. Und sie sind unglücklich, weil Erwerbsarbeit als ein extrem hoher und wichtiger Wert gilt. Keiner gilt gern als Loser. Wenn Arbeit außerhalb des klassischen Erwerbslebens höher bewertet würde (ja, diese Arbeit gibt es!), wäre die Verzweiflung geringer.

Thomas Vašek fordert, dass wir sinnvolle, gute Arbeit brauchen und da stimme ich ihm von ganzem Herzen zu. Und ja, hier ist die Politik gefordert – und wir alle ebenfalls. Nein, Arbeit sollten wir nicht „kaputtreden“. Aber das tut auch keiner. Es geht um den Ausgleich zwischen Arbeit und anderen sinnvollen Tätigkeiten, nicht um den Gegensatz Arbeit versus Freizeit. Thomas Vašek schließt mit seiner Argumentation sehr viele Tätigkeiten aus, die für unsere Gesellschaft überlebenswichtig sind. Familie gründen, Kinder erziehen, kranke Eltern pflegen, ehrenamtliche Arbeit, als Freiwilliger arbeiten – alles nicht sinnvoll, da keine „richtige“ Arbeit?

„Gegen schlechte Arbeit müssen wir aufbegehren“, sagt Thomas Vašek. Da bin ich ganz bei ihm. Er plädiert für Selbstbestimmung. Das finde ich gut, nur sind viele Menschen da nicht so ganz trittsicher. Oft fehlen ihnen angesichts zweier Jobs und Familie auch die Möglichkeit und vor allem die Zeit dazu, diese Selbstbestimmung zu leben und zu lernen.

Eigentlich sind wir mit der Generation Y und ihrer so oft in den Medien hochgespielten Forderung nach Work-Life-Balance doch gut bedient. Denn sie fordert viel stärker als frühere Generationen einen Sinn in der Arbeit. Das müsste doch ganz auf der Linie von Thomas Vašek sein.

Fazit: Bei mir hinterlässt der Beitrag von Thomas Vašek in der Welt einen zwiespältigen Eindruck. Die Forderung nach sinnvoller und „guter“ Arbeit ist der Zustimmung aller Leser gewiss. Wir alle wollen das Beste, sofern es weder konkret formuliert ist, noch in die Nähe der Durchführung kommt oder gar Geld kostet. Wie die Menschen in Deutschland gute und sinnvolle Arbeit finden sollen, diese Erklärung bleibt uns Thomas Vašek schuldig. Allgemeinplätze plus ein guter Schuss Polemik, das ist zu wenig, um seinem Buch weiteres Interesse zu schenken. Seine Erkenntnisse erscheinen angesichts einer sich rapide verändernden Gesellschaft wie der Abgesang eines Workaholics auf die gute alte Zeit, als ein größtmöglicher Arbeitseinsatz ohne einen entsprechenden persönlichen Ausgleich noch als höchstes anzustrebendes Gut galt.