Unser Bildungshorror und das Geschäftsmodell Deutschland.

Svenja Hofert ist immer für klare Worte gut. Diesmal waren der von mir sehr geschätzten Karriereexpertin der Ärger und die Betroffenheit deutlich anzumerken. Anlass war PIAAC, die vor einigen Tagen veröffentlichte „PISA-Studie für Erwachsene“. Unter der Headline „Bildungshorror“ setzte sich Svenja Hofert in ihrem Karriereblog mit deren Ergebnissen auseinander.

An der PIAAC-Studie (Programme for the International Assessment of Adult Competencies), durchgeführt von der OECD, nahmen rund 166.000 Erwachsene im Alter von 16 bis 65 Jahren aus 24 Ländern und Regionen teil. Die Studie testete das Wissen in Alltagssituationen, ganz „einfache“ Dinge wie das Ablesen eines Thermometers beispielsweise. Die Ergebnisse waren erschreckend. Deutschland erreichte in der Gesamtwertung Mittelmaß, was nicht wirklich erstaunt.

Svenja Hofert schreibt, dass an unserem Mittelmaß grundsätzlich nichts Schlechtes zu erkennen sei. Man müsse nicht überall zu den besten gehören. „Peinlich und schlimmer als jedes Mittelmaß“ sei es aber, dass „in keinem anderen Land die Bildung der Eltern so stark mit der ihrer Kinder korreliert.“

In der Tat: Besonders herausragend war unser Land in der Studie nur in einem Punkt. In kaum einem anderen Land hängt die Lesekompetenz so sehr vom Bildungsstand der Eltern ab wie hierzulande, wie Spiegel Online schreibt. Nur in den USA ist der Abstand noch größer.

Svenja Hofert spricht mir aus der Seele.

Ich möchte jetzt nicht über Chancengerechtigkeit sprechen, denn das hat die Tagespresse zur Genüge getan. Die Reaktion zu PIAAC seitens der Politik? „Wir haben verstanden“, erklärte Gerd Hoofe, Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium. Da bin ich mal gespannt, denn bisher hatte die Politik hier eine ausgeprägte Lernschwäche, trotz seit Jahren gleichlautender Studien.

Sprechen möchte ich über das Geschäftsmodell Deutschland.

Frage: Was ist der Wettbewerbsvorteil Deutschlands in der globalen Wirtschaft? Sollte das etwa mit Bildung zu tun haben? Und: Wir reden über Fachkräftemangel. Und dann leisten wir uns ein Bildungssystem, das einen großen Teil der Bevölkerung durchs Raster fallen lässt. Stattdessen wird dann um junge, billige Zuwanderer aus Südeuropa geworben.

„Bedeutend ist es auch, die Fähigkeiten von Arbeitslosen, Müttern oder älteren Menschen nicht verkümmern zu lassen“, schreibt die Zeit. Wir reden über lebenslanges Lernen und darüber, dass Frauen, Ältere und junge Menschen mit schlechten Startchancen „zentrale Gruppen für das Schließen der Fachkräftelücke“ sind, so einst die Bundesregierung.

Was passiert in den Unternehmen und in der Politik? Weiterbildung für Ältere stand bisher nicht oben auf der Tagesordnung. Eher sprachen Unternehmen davon, diese Menschen möglichst bald abzuschieben. Diese Denkweise ändert sich, zum Glück.

Arbeitnehmer ohne akademischen Abschluss würden von ihren Arbeitgebern kaum darin bestärkt oder gefördert, diesen nachzuholen. Chefs würden die Elternrolle fortsetzen: “Bleib bescheiden und denk dran wo du herkommst”, meint Svenja Hofert.

An Fortbildungen etwa nähmen vor allem diejenigen teil, die eh schon fit sind, zitiert  Spiegel Online Barbara Ischinger, Leiterin des OECD-Bildungsrektorats. Kommt bekannt vor? „Wenn man die Floskel vom „lebenslangen Lernen“ ernst nimmt, warum kümmert man sich nicht um die (Weiter-)bildung dieser Menschen? Wohl deshalb, weil das teuer ist, und diese Arbeitnehmer keine Lobby haben…“, schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Stimmt, diese Arbeitnehmer hatten bisher keine Lobby. Jetzt steht ihnen der demografische Wandel zur Seite. „Auf einmal“ fehlen qualifizierte Arbeitskräfte. Die Unternehmen haben mehrere Optionen, diese Herausforderung zu meistern. Eine davon lautet, den Kopf in den Sand zu stecken und auf Zuwanderer zu hoffen. Darüber hatte ich vor ein paar Tagen geschrieben. Es gibt andere Wege.

Es gibt bei uns viel zu wenig Einstellungen aufgrund von Motivation und Lernwillen. Leute, die etwas leisten wollen, bekommen keine Chance. Bemühen wird nicht honoriert“, schreibt Svenja Hofert. Unternehmen in den USA wären da offener, was sich mit meinen Erfahrungen deckt. Es gibt erhebliche Blockaden in den Unternehmen, die aber langsam aufbrechen.

Nehmen wir die Berufsausbildung. Heute ist es so, dass viele Azubis den geforderten Qualifikationen nicht mehr genügen. Weiterbildung durch die Unternehmen lautet hier die Devise. Mittlerweile gibt es einige, die ihre Azubis in Eigenregie oder im Verbund fit machen. Bei der Einstellung achten sie deutlich stärker als früher auf Motivation und soziale Kompetenzen. Denn Fertigkeiten kann man lernen. Dabei fallen ganz erhebliche Kosten an. Ist dieser zusätzliche Aufwand eigentlich schon einmal berechnet worden? Was kostet uns dieses unzulängliche Bildungssystem, das so viele Menschen benachteiligt?

„Wäre schön, wenn auch deutsche Unternehmen Quereinsteigern öfter eine Chance gäben“, sagt Svenja Hofert. Mit dieser Forderung befindet sie sich in guter Gesellschaft. HR-Urgestein Thomas Sattelberger hatte vor ein paar Tagen im Tagesspiegel wieder einmal die Personaler heftig kritisiert. Selber ein leuchtendes Beispiel für einen erfolgreichen Quereinsteiger, mokierte er sich über die „Kens und Barbies im Business-Outfit“, die -frisch von der Business School kommend- bevorzugt eingestellt würden.

Sattelberger bemängelte eine „außerordentlich stereotype Selektionskultur“ in den Unternehmen, die dazu führen würde, dass „immer dieselben ausgetrampelten Pfade“ genommen würden. „In England steht Geisteswissenschaftlern eine Karriere als Banker oder Manager offen. Warum nicht auch in Deutschland? Stattdessen stellt Schmidt weiter Schmidtchen ein“, meint Sattelberger.

Der geschätzte Blogger-Kollege und Recruiting-Experte Henrik Zaborowski erklärte in einem Blogpost, warum „Exoten“ so selten in den Unternehmen sind. Hiring Manager müssten mehr Arbeit in das Anlernen eines Exoten stecken und im Falle eines Scheiterns würde jeder sagen “Siehste, wusste ich es doch. Nimm halt keinen Exoten”. Da geht man lieber auf Nummer Sicher.

Henrik Zaborowski stellte die Frage, ob die aktuellen Hiring Manager und Führungskräfte die richtigen Persönlichkeiten seien, um uns erfolgreich in die sich immer schneller wandelnde Zukunft führen zu können. Seine Antwort: „Nein, nicht wenn sie an ihren alten Glaubenssätzen festhalten.“

In Deutschland stellt „Schmidt immer noch Schmidtchen“ ein. Nur ist die Zahl der Schmidtchen bei uns so gering geworden, dass Schmidt mittlerweile im Ausland nach weiteren Schmidtchen suchen muss. Henrik Zaborowski schreibt, dass unsere gängige Personalauswahlpraxis vor allem von gedankenfaulen Kleingeistern und schwachen Führungskräften geprägt worden ist. Der Ärger ist verständlich, trifft aber zum Teil die Falschen. Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken.

Das Geschäftsmodell Deutschland steht in mehrfacher Hinsicht auf wackeligen Füßen. Nein, ich möchte jetzt nicht auch noch über die Finanzkrise schreiben. Es reicht, sich darüber aufzuregen, dass die Politik ein Bildungssystem fördert, das unserem Land wirtschaftlich massiv schadet. Warum also verfolgt die Politik konsequent ein solches Modell? Eine Antwort erspare ich mir.

Soziale Herkunft darf kein Zugangskriterium für Bildung sein, denn damit unterstützen wir lediglich die „Kens und Barbies“. Wir verzichten auf die Ideen und Impulse weiter Teile der Bevölkerung. Bisher haben Unternehmenschefs diesen Ansatz mitgetragen und gefördert. Das können wir uns nicht mehr leisten. Das Umdenken hat zum Glück schon begonnen, wenn auch bisher etwas zaghaft.

Ergänzung 11.10.13 / 17:30 Uhr:

Jetzt mache ich einen langen Text noch länger. Von @yugaBerlin erhielt ich per Twitter die folgende Nachricht, die ich kommentieren möchte:

„…1. HR = oft selbst Kens & Barbies 2. bitte kein nächster Ausschluss (Zuwanderer)…“

Stimmt, Personaler sind oft „Kens und Barbies“. Die Formulierung „Schmidt stellt Schmidtchen ein“ bezog sich darauf. Wir finden Menschen gut, die uns ähnlich sind. Das hat im Recruiting wenig zweckmäßige Folgen. Henrik Zaborowski hat völlig Recht mit seiner Forderung, dass sich hier deutlich etwas ändern muss.

Zuwanderung: Wir brauchen Zuwanderer. Wir brauchen Sie aus mehrfachen Gründen, der Fachkräftemangel ist nur einer davon. Zuwanderer bereichern unsere Gesellschaft ungemein.

Was wir aber nicht brauchen, das sind Unternehmen, die jetzt ganz schnell Zuwanderer anheuern, denen erklärtermaßen kaum strategische Funktionen im Unternehmen zuweisen wollen und mit einer durchschnittlichen Verweildauer von drei Jahren rechnen. Siehe meinen Blogpost dazu. Viele dieser Unternehmen suchen billige Lückenfüller, weil ihnen das Erschließen einheimischer Potenziale zu teuer ist oder weil sie den demografischen Wandel verschlafen haben, behaupte ich.

Ein solches Vorgehen ist verständlich, hat aber schwere wirtschaftliche Konsequenzen. Nicht zuletzt für die Unternehmen selber. Denn Zuwanderung wird nicht ausreichen, um die zukünftigen Lücken zu füllen. Deshalb mein Plädoyer dafür, die heimischen Potenziale besser zu erschließen. Ich sehe keinen anderen Weg.

Beste Grüße, Helge Weinberg

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