Unsere stereotype Selektionskultur und die neue Macht der Mitarbeiter

Längere Zeit hatte ich keine HR & PR Snippets veröffentlicht, weder hier im Blog noch auf Tumblr. Dies lag nicht an fehlenden bemerkenswerten Artikeln, sondern hauptsächlich am Zeitmangel.  Am Freitag hatte ich gleich drei herausragende Veröffentlichungen gefunden, die alle einen Hinweis wert sind. Motivation genug, um ein paar Zeilen zu schreiben.

Nummer 1:

Thomas Sattelberger hat wieder zugeschlagen. In seiner unnachahmlich direkten und nicht unbedingt diplomatischen Art zeigt er seinen HR-Mitstreitern, was sie alles noch zu lernen haben. Reichlich viel, um es kurz und knapp zu sagen. Bereits vor einigen Wochen hatte Sattelberger in einem Interview im Tagesspiegel die „außerordentlich stereotype Selektionskultur“ in den Unternehmen kritisiert. Diese würde dazu führen, dass „immer dieselben ausgetrampelten Pfade“ genommen würden. Darüber hatte ich in meinem Blog geschrieben.

In der ZEIT spricht Sattelberger jetzt über „die neue Macht der Mitarbeiter“. Künftig wird es so sein, dass sich eine Firma bei einem potenziellen Mitarbeiter bewirbt und nicht umgekehrt, meint Sattelberger. Er fordert „mehr Diversität, mehr Autonomie, mehr Solidarität, mehr Sinn“ von den Unternehmen ein.

Nicht jeder vermag diese Macht der Mitarbeiter heute schon zu sehen, eher das Gegenteil, etwa wenn man an Personalbeurteilungssysteme im Stil von Yahoo denkt. Auch die Interviewerin scheint Sattelberger nicht ganz glauben zu können.

„Tiefgreifende Veränderungen benötigen Jahrzehnte. Es dürfte bis 2030 dauern, bis der Wandel vollzogen ist. Aber immerhin ist das Thema in der gesellschaftlichen Debatte angekommen“, meint denn auch Sattelberger.

Nummer 2:

„Warum Social Media Recruiting noch nicht funktioniert“ erklärt Lutz Altmann in einem sehr lesenswerten Artikel im Personalmarketing Blog. Er setzt sich kritisch mit den Aussagen im jüngst erschienenen Social Media Recruiting Report 2013 auseinander. Er stellt fest , dass „vor allem die eigene Karrierewebseite noch viel ungenutztes Potenzial hat“. Wohl wahr.

Sein Plädoyer: Wir sollten „bei all den Studien die Ergebnisse immer in den richtigen Kontext stellen und jeder für sich entsprechend für sein Unternehmen interpretieren und richtig in die Recruitingrealität einordnen… Social Media Recruiting ist keine von den anderen Aufgaben im Recruitmentprozess losgelöste Disziplin, die man jeweils in eine Schublade stecken kann…“ Lesen!

Nummer 3:

„Kreativität vor Fachkompetenz“ fordert Kathrin Justen im Human Resources Manager. Gemeint ist eine „Offenheit gegenüber Quereinsteigern“, die heute wohl auf Vorstandsebene, nicht aber auf den Ebenen darunter zu erkennen sei. Justen schlägt damit in dieselbe Kerbe wie Thomas Sattelberger, der sich in dem oben erwähnten Interview im Tagesspiegel über die „Kens und Barbies im Business-Outfit“ mokierte, die -frisch von der Business School kommend- bevorzugt eingestellt würden.

Nur langsam würden die Unternehmen von dem Anspruch abrücken, 100 Prozent Passgenauigkeit in der fachlichen Spezialisierung der Bewerber anzustreben. Verantwortlich für diese Anspruchshaltung zeichneten „die typisch deutsche Betonung der fachlichen Karriere gegenüber dem Fokus auf General-Management-Kompetenzen in anderen Ländern“, das duale Ausbildungssystem sowie die zum Teil sehr spezialisierten Studiengänge. Sehr lesenswert!