Zwei Lebensmodelle: „Hamster im Laufrad“ versus „Biedermeier 2.0“

Über „Die erschöpfte Gesellschaft“ in Deutschland – und sich abzeichnende Veränderungen

Auf karriere.de fand ich einen Beitrag, der mich sehr beeindruckt hat. Der WirtschaftsWoche-Redakteur Ferdinand Knauß schrieb unter dem Titel „Verpasstes Leben“ über „Arbeit als Selbstzweck“. Anlass war das im Frühjahr 2013 veröffentlichte Buch „Die erschöpfte Gesellschaft“ des Psychologen Stephan Grünewald.

Nachdem ich das Buch gelesen habe, was an einem Tag gut möglich ist, kann ich sagen: Es sollte Pflichtlektüre für Führungskräfte und für Politiker sein. Das Buch ist eine schonungslose Abrechnung mit Kurzfristdenken und -Planen, mit Normierung und Standardisierung, mit Bachelor-Studiengängen, mit unser aller Betriebsamkeit.

Grünewald schreibt, dass unser effizienzorientiertes Denken uns die Fähigkeit zum Träumen und somit unsere Kreativität geraubt hat. Wir würden so langfristig unseren wirtschaftlichen Erfolg, unser ureigenes deutsches „Geschäftsmodell“ gefährden. Denn kreative „Unruhe“ sei eine wichtige Alleinstellung der Deutschen im internationalen Markt.

Erschöpfte_Gesellschaft_1Je erschöpfter ich bin, desto erfolgreicher bin ich.

Seine Anmerkungen zu den Maximen unserer Leistungsgesellschaft geben zu denken. „Stolz sind wir nicht mehr auf das geleistete Tagwerk, …, stolz sind wir heute auf den Grad der Erschöpfung, den wir uns im Laufe eines Arbeitstages „erkämpft“ haben. Wir sind müde und abgearbeitet, daher müssen wir wohl etwas geleistet haben….“ Ist der Hamster im Laufrad zum Lebensentwurf in der deutschen Gesellschaft geworden? Je schneller ich im Rad laufe und je erschöpfter ich dann bin, ein desto besserer Performer im Berufsleben bin ich? Es scheint so.

Grünewald folgert: „Das Schwinden des Werkstolzes geht einher mit einer Verringerung des Selbstwertgefühls“. Entscheidend sei nicht mehr das Bewusstsein der eigenen Leistung, sondern die Resonanz der anderen. Das stabile Selbstwertgefühl wird durch die Frage abgelöst „wie war ich“. Was mich an das „like“ auf Facebook und an das Favorisieren auf Twitter erinnert und mich zu der Frage bringt, ob wir da eine rein extrinsisch motivierte Gesellschaft aufgebaut haben.

Das „Hamster im Laufrad“-Modell wäre das Pendant zu der von Unternehmen und Behörden gepflegten Devise „je mehr Zeit ich auf dem Arbeitsplatz verbringe, desto besser ist meine Leistung“. Allerdings gibt es auf jede Bewegung eine Gegenbewegung. Diese skizziert Grünewald auch in seinem Buch, wenn auch kurz. Dazu gleich mehr.

Jedes Verhalten hat seine Funktion. Laut Grünewald bietet uns das tägliche Hamsterrad eine weitgehende Erwartungssicherheit. Das Hamsterrad als Komfortzone?

Träume als Lebenskorrektiv und kreative Kraft

Grünewald plädiert dafür, wieder mehr zu träumen, sich Freiräume zu gestatten. „Der Traum greift unsere Unruhe auf, er bearbeitet und transformiert sie, indem er für alternative Lebensweisen wirbt oder uns im Alltag bestärkt“. Der Traum sei  eine Voraussetzung für das Umgestalten der Wirklichkeit. Innovationen seien nur möglich, wenn man sich aus der rationalen Tagesordnung löst. In Deutschland ist das Träumen in Misskredit geraten, es gilt als ineffizient und Zeitverschwendung.

Richtig spannend wird Grünewalds Buch, wenn er „Unruhe“ als Grundmoment der deutschen Seele definiert – und deren Ausprägungen und Folgen beschreibt. Diese Unruhe als sehr deutsche Eigenschaft ist für ihn eine wesentliche Voraussetzung für unsere Kreativität und schöpferische Leistungen, so sie denn nicht in hektische Betriebsamkeit abgleitet.

Folgt man seiner Analyse, dann gefährdet unser Effizienzdiktat und unser einseitiges Betonen von Tugenden wie Fleiß und Disziplin unsere Position im Weltmarkt. „Deutschland kann seine eigene Unruhe über das Träumen in Schöpferkraft verwandeln. Aus der Kraft zu träumen erwächst die Kreativität,…der Erfindungsreichtum unseres Landes“, erklärt Grünewald. Sollte er auch nur ansatzweise Recht haben, dann ist schwer erklärbar, warum wir diese kreative Kraft zugunsten von Effizienz und Kontrolle vernachlässigen, „Stärken“ also, die ohne weiteres von China und Indien kopiert werden können.

Erschöpfte_Gesellschaft_3Wie gelingt die Rückkehr zum Träumen?

Deutschland muss also wieder mehr träumen und seine Unruhe nutzen. Wie das geht? Die großen Traumkiller im deutschen Alltag sind Gleichschaltung der Wochentage, Übergangslosigkeit der verschiedenen Etappen eines Tages und Überprogrammierung der Freizeit, schreibt Grünewald.

Er fordert eine Rhythmisierung der Woche, die jedem Tag eine besondere Bedeutung zuweist und der Standardisierung des Alltags entgegenwirkt. Er plädiert für einen Mut zum Müßiggang, auch und vor allem in der Freizeit.

Grünewald spricht sich strikt gegen ein radikal vereinseitigtes Bildungsideal der Effizienzgesellschaft aus, das seinen Ausdruck findet durch Turbo-Abitur und Bachelor-Studiengänge. Der aus seiner Sicht heute bestehende zentrale Traumkiller in der Bildung sei es, dass sie als ein zu erzielendes Ergebnis und nicht als ein Prozess betrachtet wird.

In Arbeitsprozessen hat Grünewald drei Traumkiller identifiziert, die Kreativität verhindern: Die Formalisierung von Prozessen, die Standardisierung von Arbeitsplätzen sowie der Wechsel von einer Werk- zu einer Renditeorientierung. Traumfördernde Arbeit braucht Zeitoffenheit, Projektbegeisterung und produktive Verrücktheit. Dies bedeutet, eine spezifische Unternehmenskultur zu fördern, Querdenker in Unternehmen zuzulassen und nicht nur „Passepartout-Manager“ einzustellen.

Die Generation Y: Selbstkontrolle in einer brüchigen Welt

Grünewald macht in seinem Buch diverse Exkurse, so zu der Generation Y. Er zeigt Gründe auf, warum die Generation Y so gar nicht rebellisch ist, sondern eher ein neues Biedermeier anzustreben scheint. Er geht einen Schritt weiter als viele Analysen, denn er erklärt das Denken dieser Generation als Resultat eines historischen Prozesses, ihre Suche nach Geborgenheit als Reaktion auf das Gefühl, in einer brüchigen Welt zu leben.

Grünewald teilt nicht die oberflächliche Deutung der Generation Y als optimistisch und lebensfroh, sondern geht eine Schicht tiefer und beschreibt deren Angst vor dem gesellschaftlichen Absturz, gekoppelt an eine freiwillige Selbstkontrolle in vielen Lebensbereichen, an feste Regeln. Dem steht eine Absturzsehnsucht gegenüber, ein Wunsch nach sprengen der Einschränkungen, die an den Wochenenden ausgelebt wird.

Er mahnt, dass eine gesellschaftliche Entwicklung nicht möglich ist, „wenn eine junge Generation nur brav Vorgaben erfüllt“. Seine Hoffnung ist es, dass sich junge Menschen auf ihren eigenen Interessen besinnen werden und nicht an den Wunschtraum eines durch Effizienz und Leistung heraufbeschworenen „Goldenen Zeitalters“ klammern.

„Biedermeier 2.0“ versus „Hamster im Laufrad“ – Veränderungen zeichnen sich ab

Hier möchte ich andocken. Ich finde seine Analyse schlüssig. Sie bezieht sich aber nur in wenigen Passagen auf die Erfahrung, dass es in Gesellschaften zu jeder Bewegung eine Gegenbewegung gibt, geben muss. Nichts ist statisch. Das Biedermeier war es nicht und auch das Biedermeier 2.0 wird es nicht sein.

Jede Generation unterscheidet sich von der vorherigen und hat andere Ansprüche und Werte. Dies ist auch gut so, denn unreflektiert das Wissen und die Werte der Eltern zu übernehmen ist weder für die individuelle noch für die gesellschaftliche Entwicklung gut. Grünewald sieht ausgerechnet in der Biedermeierwelt der Jugendlichen Potenzial für Veränderung. Wer solche Lebensziele hat wie diese Generation, für den sei Karriere nach dem Motto „schneller, höher, weiter“ langfristig nicht sonderlich attraktiv.

Diese Erkenntnis wurde in den letzten Jahren durch viele Umfragen bestätigt. In der Tat könnte diese so angepasst erscheinende Generation gerade durch ihre Wünsche nach einem ausgewogenen Leben, die durch simple Konzepte der Work-Life-Balance nur unzureichend bedient werden, die gesellschaftliche Diskussion über „Arbeit“ und „Leben und Arbeiten“ befeuern.

HR-Experten kennen die Ansprüche der Generation Y an potenzielle Arbeitgeber recht gut. Noch nicht allzu viele Unternehmen haben sich auf diese Generation eingestellt, werden es aber in den nächsten drei bis fünf Jahren tun müssen. Es kann gut sein, dass die Generation Y mit ihrem Lebensmodell Biedermeier 2.0 mehr Veränderungen in den Unternehmen bewirkt als die „Rebellen“ der Baby Boomer, die sich letztlich als Workaholics herausgestellt haben.

Die Diskussion über Arbeiten und Leben im Zeitalter der Generation Y und zukünftiger Generationen hat schon begonnen. Deshalb ist das Buch von Grünewald einerseits hochaktuell, andererseits aber fast schon eine Beschreibung einer Gesellschaft, die es in dieser Reinform bald nicht mehr geben wird.

14 comments on “Zwei Lebensmodelle: „Hamster im Laufrad“ versus „Biedermeier 2.0“

  1. „NEU ist all das jedoch nicht…..
    Derzeit lese ich von Ricardo Semler „Maverick: The Success Story Behind the World’s Most Unusual Workplace“ (eine Reprint-Edition der Englischen Version von 1995). Die Deutsche Version „Das Semco System: Management ohne Manager. Das neue revolutionäre Führungsmodell“ ist nur noch – zu horrenden Preisen – antiquarisch erhältlich. Die Originalausgabe ‚„Virando a Própria Mesa“ erstveröffentlicht 1993, wurde in 23 Sprachen übersetzt.
    1990 wurde der Autor Ricardo Semler vom Wall Street Journal zum „Lateinamerikanischen Geschäftsmann des Jahres“ erkoren.

    In diesem Buch ist das – jetzt bereits über 20 Jahre erfolgreiche – „SEMCO-System“ genau beschrieben und auch, wie es dazu kam, dass das „Hamsterlaufrad“ verlassen wurde. Das meiste deckt sich mit den hier beschriebenen Dingen.

    Auslöser – und das ist bemerkenswert – für den radikalen Wechsel war eine Lagerbildung zwischen „Hansterrad-Verfechtern“ und „Biedermeier-Idealisten“ in der Geschäftsleitung und – vor allem – ein Burn Out des geschäftsführenden Inhabers Ricardo Semler.

    Offenbar braucht es solche persönliche Lebenskrisen, ehe Top-Manager aus dem Hamsterrad springen und auch die Mitarbeitenden ermuntern es zu verlassen … und das via massiv veränderte Rahmenbedingungen erleichtern oder gar „erzwingen“.

    1. Hallo Herr Korn,

      Sie haben Recht: Neu sind die Erkenntnisse von Grünewald nicht. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie Eingang in die Unternehmen gefunden hätten. Das ist wenig verwunderlich, denn auch das Management stöhnt unter den Lasten des Hamsterrads. Es bricht aber allzu selten aus, obwohl ich in letzter Zeit von einigen Positivbeispielen gehört habe. Veränderungen sind ein Risiko, und Risiken vermeiden wir nun einmal gerne.

      Grünewald beschreibt mit seinem Modell des „ich bin erfolgreich, weil ich erschöpft bin“ einen Zustand der Entfremdung und geht damit weit in der Geschichte zurück. So bekannt dieser Begriff sein mag, scheint es doch immer noch sinnvoll zu sein, darauf hinzuweisen, wo diese heute bei uns stattfindet und welche Auswirkungen das hat.

      Den Ansatz von Ricardo Semler kannte ich noch nicht -vielen Dank für den Tipp- und ich werde mir das Buch besorgen. Die Zusammenfassung auf Wikipedia hört sich sehr spannend an.

      Es gibt bewährte best-practices wie das von Semler schon lange. Die Frage ist, warum Unternehmen sie kaum aufgegriffen haben. Ist es die Angst im Management vor Macht- oder Bedeutungsverlust? Bis dann eine echte Lebenskrise Veränderungen erzwingt? Ist es die Trägheit großer Organisationen? Sind es unsere Werte, die uns einen Strich durch die Rechnung machen, auch wenn unser Verhalten offenkundig unsinnig ist?

      Nur steter Tropfen höhlt den Stein.

      Beste Grüße aus Hamburg, Helge Weinberg

      1. Dass „steter Tropfen den Stein höhlt“ glaube ich nicht, so lange die Tropfen nur aus Büchern, Seminaren und Blogs bestehen …. denn diese gibt es, siehe in http://www.korn.ch/archiv-open/scrum-day-berlin-2013/agile-organisation-scrumday2013.pdf ab Seite 51, schon seit Jahrzehnten … dennoch leben die Prinzipien von Taylor weiterhin … und natürlich die Prinzipien der Profitmaximierung und (Selbst)Ausbeutung …
        Ich bin, wenn ich all die (wenigen) Alternativbeispiele sehe davon überzeugt, dass es als „Tropfen“ einen „Platzregen“ in Gestalt einer persönlichen Krise braucht, um aus dem Hamsterrad zu springen.

        1. Hallo Herr Korn,

          bitte entschuldigen Sie die späte Antwort. Sie haben ja Recht. Es gibt ohne Ende Literatur- vielen Dank für die superinteressante Präsentation, die werde ich mir in Ruhe ansehen. Warum wird die Literatur nicht rezipiert bzw. warum dauert das so ewig lange, bis sich in den Unternehmen die ersten Veränderungen zeigen? Denn es ist ja nicht so, dass sich nichts ändert.

          Möglicherweise bedarf es einer tiefgreifenden persönlichen Krise, um Veränderungen auszulösen. Aus meiner Nonprofit-Erfahrung weiß ich, dass Unternehmensmanager sich aufgrund persönlicher Betroffenheit auf einmal sozial engagieren – und zwar mit derselben Energie und Zielstrebigkeit wie im „normalen“ Geschäftsleben.

          Was könnten die Gründe dafür sein, etwas nicht zu verändern? Was bewegt Menschen und Organisationen dazu, in Zuständen zu verharren, die unangenehm oder ökonomisch unsinnig sind? Da gibt es einige Gründe.

          Ja, der Taylorismus ist noch recht lebendig. Trotzdem vertraue ich auf den steten Tropfen. Dieser wird in den nächsten Jahren durch den demografischen Wandel verstärkt, so meine Meinung. Der Mangel an guten Bewerbern stärkt deren Position. Diese gewichten ein ihren Lebensvorstellungen angepasstes Arbeiten deutlich höher als frühere Generationen. So könnte es für die Unternehmen, die zu spät auf den steten Tropfen reagieren, noch einen ganz netten Platzregen geben.

          Beste Grüße aus dem Norden, Helge Weinberg

          1. Hallo Herr Korn,
            hallo Herr Weinberg,

            die Frage, warum es bekannte „best-practise Beispiele“ gibt, die überwiegende Mehrheit (an Menschen, an Unternehmen) aber dennoch in „unangenehmen Zuständen“ verharrt … die treibt mich seit vielen Jahren an. Vor 20 Jahren habe ich begonnen, im Bereich Persönlichkeitsentwicklung zu forschen … vor 6 Jahren ist – bedingt durch meinen Sohn, der Bereich Schule hinzugekommen.

            Meine Güte, was wird in Schulen gelitten!!! Schüler, Lehrer, Schulleiter, Eltern … absolute Exoten sind diejenigen, die sich an Schule wohlfühlen. Meist ist es dann auch eine komplette Schule, wo „irgendwas anders“ ist. Dieses „irgendwas anders“ kann man herausarbeiten, im Grunde ist das unübersehbar, aber dennoch … wird es nicht übernommen.

            Für mich ist des Rätsels Lösung so einfach wie verblüffend: wir leben in einer traumatisierten Gesellschaft! Der 2. Weltkrieg hat auch in der Psyche der „Kriegsenkel“ und „Kriegsurenkel“ tiefe Spuren hinterlassen, denn wir wurden schließlich von traumatisierten „Kriegskindern“ erzogen …

            Der Beweis ist einfach: konfrontierten Sie jemanden mit der Information, was aus Kindern wird, die niemals in ihrem Leben eine Schule besucht haben (André Stern z.B.). Oder konfrontieren Sie jemanden mit der Erfolgsstory der Firma SEMCO. Oder nehmen Sie die Biographie von Robert Dekeyser, Schulabbrecher und Gründer der Firma DEDON.

            Nehmen Sie irgendeinen Menschen, der ANGSTFREI handelt … oder, noch spannender: seien Sie selbst einer. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen: Sie werden dadurch eine wandelnde Provokation.

            Aber es bewegt sich was!!! 🙂

            Fröhliche Grüße aus Düsseldorf,
            Ulrike Sennhenn

            1. Hallo Frau Sennhenn,

              Sie finden meine Antwort weiter unten als eigenen Beitrag. Das Textfeld wurde mir hier zu klein.

              Sonnige Grüße, Helge Weinberg

  2. Deutschland ein Land des Träumens und der kreativen Unruhe. Allein für diese Erinnerung werde ich mir das Buch zulegen. Muße finde ich auch unterbelichtet in der heutigen Zeit. Und ich nehme auch eine immer noch zunehmende Tendenz zu einer Bildung wahr, die ausschließlich verwertungsorientiert ausgerichtet ist.
    Was waren das noch schöne Zeiten in meinem Studium, in dem stundenlanges Diskutieren in der Cafeteria dazu gehören durfte.
    Übrigens: Eine schöne Gegenbewegung scheinen mir Formate wie BarCamps zu sein, in der das verwertungsorientierte Lernen wieder auf dem Rückzug ist. Dazu hatte ich hier mal was berichtet http://systematischkaffeetrinken.de/2013/03/10/wissen-teilen-ist-geil-lernen-und-spas-auf-dem-barcamp-ruhr/

    Und nochmal: Danke für den Tipp!

    1. Hallo Herr Hahn,

      Ihr Kommentar war im Spamfilter gelandet und wurde deshalb verspätet freigeschaltet. Akismet ist da in letzter Zeit reichlich übereifrig, was an dem rasant steigenden Kommentarspam (in meinem Fall zu 90 Prozent aus Japan) liegen mag. Das tut mir leid.

      Erst einmal vielen Dank für den Dank! Wie man in Hamburg sagt: Da nicht für! Ja, die Bildung ist auch aus meiner Sicht strikt verwertungsorientiert, wobei die Perspektive meist sehr kurzfristig ist. Zu dem Beitrag über das BarCamp in Essen: Sehr schöne Schilderung von Ihnen, gefällt mir sehr gut. Vor allem, weil ich auch BarCamp-Newcomer bin und das Gefühl habe, alle außer mir verbringen regelmäßig ihre Wochenenden auf BarCamps. So, jetzt muss ich aber erst mal wieder einen Espresso aufsetzen 😉 Soweit mein Kommentar zum Konzept des „Systematischen Kaffeetrinkens“.

      Einen schönen Start in die Woche!

      Beste Grüße, Helge Weinberg

    1. Moin moin, melden Sie sich doch einfach, wenn Sie wieder mal in Hamburg sind und etwas Zeit haben. Kaffee/Espresso geht immer 🙂 Beste Grüße aus dem kühlen Norden, Helge Weinberg

  3. Bereits mit Anfang 20 hatte ich – ausgelöst durch eine Essstörung – eine (Sinn)Krise die dazu geführt hat, mich relativ früh mit mir auseinander zu setzen. Ich habe mich in so vielen krankmachenden Systemen wiedergefunden und ich habe auch die Angst gefunden, von der Frau Sennhenn schreibt. Aber Krise bedeutet eben auch Chance und ich konnte mich mit den Jahren von vielen Ängsten befreien. So habe ich mir z. B. frei nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ als Unternehmerin mit Hilfe des Internets meinen ganz eigenen Job geschaffen. Einen Job, den ich nicht als Arbeit empfinde, für den ich leidenschaftlich brenne, in dem ich einen Sinn sehe und der mit meinem Familienleben vereinbar ist. Sowohl das Träumen als auch die kreative Unruhe haben Platz in meinem Leben.
    Unser Gymnasium hat übrigens gerade wieder weg vom Turbo-Abi zurück zu G9 gewechselt. Die Abrecherquote lag mit G8 bei über 40% und die freiwilligen AG’s wie Orchester, Theater, Fußball etc. waren nahezu tot. Hier wurde der „Fehler“ erkannt und gehandelt und ich hoffe, dass den Kindern jetzt wieder mehr Zeit zum Träumen etc. bleibt…

    Sonnige Grüße

    Simone Happel

    1. Hallo Frau Happel,

      herzlichen Glückwunsch zum selbstbestimmten Leben! Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip gefällt mir. 🙂 “Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt” – da werden einige einwenden, dass das nicht möglich ist. Es gibt Sachzwänge, die das jetzige Handeln „alternativlos“ machen (ich liebe dieses Wort, ein Prachtbeispiel für unfaire und diffuse Kommunikation, es hat so viele Funktionen – und keine tut uns gut), ökonomische Notwendigkeiten, sozialer Druck (in Deutschland absolut ein Thema), soziales Erbe (Frau Sennhenn weist zu Recht darauf hin).

      Was kann ich denn ändern? In der Regel nur mich selbst, mein Verhalten in bestimmten Situationen. Ich werde meine Vorgesetzten nicht ändern, meine Mitmenschen ebenfalls nicht, die Gesellschaft nur bedingt, sicher nicht im Alleingang, und über Politik möchte ich hier nicht schreiben.

      Verharren in Angst verhindert Veränderungen. Je schneller sich das Hamsterrad dreht, desto weniger komme ich zum Nachdenken und Verarbeiten von Wissen und Erfahrungen. Stichwort: Turbo-Abi und Bachelor. Grünewald schreibt, dass die heutige Wissensaneignung nicht schöpferisch sei, sondern sich in einer „Prüfungsbulimie“ erschöpfen würde. Ich freue mich, wenn der Weg zurück vom Turbo-Abi in einen Zustand gelingt, wo mehr Reflexion des angeeigneten Wissens möglich ist – und auch die aus meiner Sicht absolut wichtigen „freiwilligen AGs“ wieder eine Rolle spielen.

      Sonnige Grüße, Helge Weinberg

  4. Hallo Frau Sennhenn,

    ja, Angst bestimmt unser Leben. Das ist auch mein Eindruck. Deutsche Manager sind weitgehend angstgetrieben und agieren deshalb wenig souverän, so schrieb der Spiegel vor einigen Jahren. Sie sind Teil unserer Gesellschaft, in der Angst Triebkraft des Handelns ist.

    Angst vor dem sozialen Absturz, für uns ist sie sehr lebendig. Politik, Versicherungen und Interessengruppen leben prächtig damit. Angst, Fehler zu machen – im Job, als Eltern- sie ist uns wohlvertraut. Angst, etwas zu verändern – denn es könnte ja auch schlecht ausgehen. Angst, sich auszuprobieren – denn dann stimmt der Lebenslauf nicht mehr, zumindest aus der Sicht vieler Personaler war das bisher so.

    Da verharren wir lieber in der jetzigen Situation, auch wenn diese noch so unangenehm ist. Diese schafft „Sicherheit“ – auch wenn es die Sicherheit ist, dass man sich in den nächsten Jahren in derselben misslichen Lage befinden wird wie heute. Diese Angst zieht sich durch die Gesellschaft, bis hin zu Führungskräften und politischen Entscheidern. Diese versuchen jeden Zustand der Unsicherheit möglichst zu vermeiden, denn der macht Angst. Aber ich schweife ab.

    „German Angst“ – irgendwoher muss sie ja kommen. Es kann sein, dass es unsere traumatisierte Gesellschaft ist. Ich möchte dazu jetzt nichts sagen, weil ich darüber noch weiter nachdenken muss. Ich glaube, dass unser Erbe eine sehr wesentliche Rolle spielt.

    Diese Angst hat durchaus eine „positive“ Funktion, denn sie „schützt“ mich vor Enttäuschungen, vor Zurückweisung, vor dem Blick auf Alternativen. Leider schützt sie mich nicht vor einem täglichen Leben im Hamsterrad, das sich jedes Jahr schneller dreht. Sie schützt mich auch nicht vor den Kräften, die dieses Hamsterrad bewegen.

    Was wäre der erste Schritt in Richtung Veränderung – zumindest auf persönlicher Ebene? Meine momentane Antwort, an der ich stets weiterarbeite, darauf lautet: Bewusst machen, wofür meine persönliche Angst gut ist, was ihr Zweck ist, warum sie da ist und dann sich klar machen, was sie verdeckt und in den Hintergrund drückt. Womit wir beim „Inneren Team“ wären.

    Ja, es bewegt bewegt sich etwas – und es ist ein langer und spannender Weg.

    Beste Grüße, Helge Weinberg

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