Bewahrt Fehmarn: Gute PR-Kampagne zum Schutz einer Insel

Fehmarn, die drittgrößte deutsche Insel, hat ganz entschieden ihre Reize. Ihre Strände sind weitgehend unbebaut. Sie ist der Himmel für Aktivurlauber, vor allem für Segler, Surfer und Radwanderer. Ich bin mehrfach jedes Jahr dort zu Gast, schon seit Jahren. Dies alles steht auf der Kippe, für mich, für andere natur- und sportliebende Urlauber, für die Bewohner. Was ist passiert?

Stück für Stück schneiden sie der Insel die Luft ab. Hier etwas Beton, dort etwas Asphalt, neue Straßen, Gewerbegebiete – und dann das Großprojekt, die Fehmarnbeltquerung. Wirtschaftlicher Nutzen zweifelhaft, Folgen für die direkt Betroffenen verheerend. Spiegel Online hatte vor einigen Tagen über das mittlerweile auch in Dänemark umstrittene Projekt berichtet. Baubeginn soll 2015 sein, Fertigstellung 2021. Großbaustelle im Naturschutz- und Touristengebiet.

Was die Bundesregierung kann, das schaffen wir in einem kleineren Rahmen auch, dachten sich wohl die Fehmaraner Lokalpolitiker. Und beschlossen, den Norden der Insel um ein Industriegebiet zu bereichern. Dies soll praktischerweise in der Nähe der Fehmarnbelt-Baustelle liegen. Unter anderem soll das Gebiet Müll eine Heimstatt bieten. Was genau dort passieren wird, das weiß die Stadt Fehmarn nicht. Was den Bauausschuss aber nicht daran hinderte, der gewerblichen Nutzung eines 15 Hektar großen Areals zuzustimmen.

Fehmarn_3Jetzt kommen die guten Lokalpolitiker in den Genuß einer Kommunikationskampagne, die sich an den bewährten Rezepten einer Advocacy Campaign orientiert. Die Bürger gründeten die Initiative „Bewahrt Fehmarn!“. Die Website ist hier zu finden. Ein YouTube-Channel wurde eingerichtet, die Facebook-Seite hat aktuell 2.845 Likes. Die Online-Petition auf change.org hat 23.301 Unterstützer.

Events gibt es auch. Der Fehmaraner Oliver Specht umschwimmt in insgesamt sechs Etappen die gesamte Insel. Dies ist eine etwas kürzere Strecke als die von Rheinschwimmer Andreas Fath (der von uns kommunikativ betreut wird), aber dennoch aufgrund sinkender Wassertemperaturen eine echte Herausforderung. Mike Kleiß, Extremläufer, Buchautor und TV-Kolumnist läuft am 30. August 60 Kilometer rund um die Insel Fehmarn. Mittlerweile gibt es auch einen Merchandisingshop.

Die örtliche und die Hamburger Presse berichteten, der NDR kam und langsam wird das alles den Verantwortlichen etwas peinlich.

Ausschlaggebend für den bisher rasanten Erfolg der Initiative dürfte gewesen sein, dass das Industriegebiet fast in den Vorgarten von Mirko Kaminski gebaut werden soll. Der gebürtige Fehmaraner ist einer der bekanntesten deutschen PR-Experten und Chef der Hamburger Agentur achtung!. Er ist Ansprechpartner der Initiative und treibt ihre Arbeit voran.

Die Kampagne von „Bewahrt Fehmarn“ macht denn auch einen ausgesprochen professionellen Eindruck, ohne teuer zu wirken. Die Mittel erscheinen effizient eingesetzt, alle sinnvollen Kommunikationskanäle werden genutzt. Es wird emotional argumentiert, Emotionen werden gezielt bedient.

Die Website ist einfach gestrickt, hat aber alles, was eine Kampagnenseite braucht. Sie beantwortet die wichtigen Fragen: Was ist passiert, welche Folgen hat das, was kann ich tun. Es besteht die Möglichkeit, den verantwortlichen Politikern Mails zu schicken, was diese zunehmend entnervt. Als Ex-WWF-Pressemensch, auch wenn das schon Urzeiten her ist, fühle ich mich von einer solchen Kampagne angesprochen. Nicht zu teuer, öffentlichkeitswirksam, Einbinden der Betroffenen, alles ist da.