Motivierte Lüüd für das Handwerk: Aus Mitarbeitern werden Mitunternehmer.

Man muss nicht weit fahren, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Es reicht Hamburg-Harburg. Hamburg? Hatte sich die Stadt nicht dem Beschäftigungs- und Bevölkerungswachstum verschrieben? Die Immobilienpreise und Mieten steigen in unbezahlbare Regionen, sehr viele Menschen zieht es hierhin. Dennoch gibt es auch in der Hansestadt so manche Initiative, die sich dem Fachkräftemangel widmet. Eine davon ist Lüüd, ihres Zeichens die Personalberatung für Handwerk und Mittelstand in Hamburg, gegründet im Juni 2013 durch die Handwerkskammer.

Für alle Menschen, die nicht das Glück* haben, im deutschen Norden leben zu dürfen, hier eine Übersetzungshilfe. Lüüd, das ist Plattdüütsch (= Plattdeutsch) und bedeutet „Menschen“. Um Menschen, beziehungsweise um das Fehlen der Menschen im Handwerk, ging es am 15.05. auf dem zweiten Lüüd Forum im Elbcampus in Harburg. Thema war „Die besten Kräfte halten – aber wie?“

Diese Frage stellen sich viele Unternehmen, vor allem im Handwerk. Wobei es dabei gar nicht mehr um die besten Kräfte gehen muss. Bei Azubi-Abbrecherquoten von bis zu 50 Prozent in manchen Berufen sollte eigentlich für jeden halbwegs fähigen Mitarbeiter der rote Teppich ausgerollt werden. Leider wird die Frage nach den Ursachen immer noch gerne ausgeklammert, da dies ernsthafte (= teure und vor allem arbeitsintensive) Konsequenzen zur Folge haben könnte. Dafür bezahlt das Handwerk dann lieber 50 Millionen Euro schwere Werbekampagnen, die vor Ort wenig bringen.

Initiativen wie Lüüd finde ich da viel sinnvoller. Und das Geld geht dann auch nicht an Scholz & Friends, sondern in die Region 😉 Doch zurück zum Lüüd Forum. Ich fand die Veranstaltung durchweg rund. Sie war gut besucht, trotz des Relegationsspiels des HSV gegen Greuther Fürth an diesem Abend. Das Handwerk stellte sich hier als durchaus veränderungsbereit dar, teilweise auch als ausgesprochen dynamisch. Ein Beispiel dafür war Referent Andree Antosch, Malermeister und zweifacher Gewinner des Wettbewerbs „Hamburgs bester Arbeitgeber“.

In 2009 ging Antosch mit seinem Unternehmen in die Insolvenz. In dieser Phase, die wohl alle Menschen zum Nachdenken zwingt, setzte bei ihm ein Umdenken ein. Er entwarf ein neues Führungskonzept, das andere Unternehmen gerne auch einführen würden, dabei aber eher selten erfolgreich sind. „Ich entschied, meine Mitarbeiter zu Mitunternehmern zu machen“, so Antosch. „Erst reagierte mein Team irritiert. Dann entwickelte es Spaß daran, mehr Verantwortung zu übernehmen und unternehmerisch mitzudenken. Gemeinsam waren wir plötzlich erfolgreich. Begeisterte Mitarbeiter hinterlassen einfach begeisterte Kunden.“

Der Erfolg gab ihm Recht. Innerhalb von vier Jahren verdoppelte Antosch den Umsatz seines Unternehmens, der Gewinn stieg um 50 Prozent.

Als wichtigsten Faktor in diesem Prozess nannte Andree Antosch Transparenz. Diese beginne beim Einbeziehen der Mitarbeiter in unternehmerische Entscheidungen und ende nicht zuletzt bei einer transparenten Lohnstruktur. Mitarbeiter zeichnen selber für betriebswirtschaftliche Berechnungen verantwortlich. Mitarbeitergespräche und eine Besprechungskultur gehören für Antosch ebenso zu den Standards im Unternehmen wie eine Jahreszielplanung und regelmäßige Weiterbildung. Für letztere hält ein eigenes Budget bereit.

Wichtig ist ihm das Lernen voneinander bei internen Weiterbildungen und der Austausch bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten. Als besonders wertvoll wertete Antosch eine Kultur der Offenheit auch gegenüber Fehlschlägen und Fehlern. „Fehler sind wie Mist, sie sind Dünger für neue Projekte“, so Antosch und machte den Anwesenden Mut, selbst neue Wege der Mitarbeiterführung zu wagen und einfach mal auszuprobieren. Freiheit und Selbstbestimmung sind seine Werte. Er plädierte für eine Bereitschaft zur Veränderung, diese in kleinen Schritten, und regelmäßiges Kommunizieren.

Mehr über das Lüüd-Forum in Kürze.

* Wer daran zweifeln sollte, dass wir Norddeutschen die glücklichsten Menschen in Deutschland sind, sollte sich den „Glücksatlas 2013“ der Deutschen Post anschauen. Ärgerlich ist dabei allenfalls, dass Schleswig-Holstein Hamburg vom ersten Platz des Glücksrankings verdrängt hat. Es geht es uns schon recht gut hier. Beispiel gefällig? Dieses Foto habe ich am letzten Mittwoch aufgenommen, nach dem bAV-Symposium des Norddeutschen Unternehmensverbands AGA. Dieses fand im Dockland Hamburg statt (rechts im Bild). Danach bin ich dann per Elbfähre zurück in die City gefahren. Nicht traurig sein, Berlin und München, an der Spree und der Isar ist es ja auch ganz nett 😉

Dockland_Hamburg

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