Das geschäftsfördernde Klischee von der besonderen Generation Y

Generation Y – noch nie wurde so viel über eine Generation geschrieben. Beratungen und Medien treten die immer gleichen Klischees breit, über eine Generation mit Ansprüchen an den Arbeitgeber in Sachen Karriere und Work-Life-Balance. Eine Generation mit Werten, mit ausgeprägtem Verlangen nach flachen Hierarchien und stetigem Feedback.

Jetzt war Kienbaum an der Reihe in der Riege der Generation Y-Versteher. Ich hatte am 2. Juni über die Erkenntnisse der „Absolventenstudie 2015“ berichtet. Diese sind nicht neu. Unlängst hatte Manpower in der Studie „Arbeitsmotivation 2015“ ähnliches verkündet. Wie Kienbaum kam auch Manpower zu dem Schluss, dass Bewerbern heute vor allem eine kollegiale Arbeitsatmosphäre wichtig ist. Welch eine Überraschung.

Neben all diesen Ansprüchen ist die Generation Y auch noch so undankbar. Sie fordert viel, ist aber nie zufrieden ;-). So vermeldete eine Studie der Hay Group: „Generation Y ist am wenigsten mit ihrem Job zufrieden“. Ist die Generation Y wirklich so anspruchsvoll und kritisch? Kann sie sich das eigentlich überhaupt erlauben?

Kann sich die Generation Y diese Ansprüche leisten?

Eine wichtige Frage hatte Kienbaum im Rahmen der Umfrage nicht gestellt. Sie lautet: „Wenn Unternehmen weder eine Work-Life-Balance noch eine kollegiale Arbeitsatmosphäre in dem erwarteten Umfang bieten, werden sich die Absolventen dann woanders bewerben?“ Na klar, wird die spontane Antwort lauten, dumme Frage aber auch.

Nein, so dumm ist die Frage nicht. Angesichts des nicht eintretenden Mangels an Ingenieuren (wer hätte das gedacht), allenfalls in bestimmten Bereichen fehlenden IT-Experten und eines laut Bundesagentur für Arbeit definitiv nicht existierenden flächendeckenden Fachkräftemangels ist die Frage sehr berechtigt. Laut Arbeitsagentur gibt es „Engpässe in einzelnen technischen Berufsfeldern sowie in Gesundheits- und Pflegeberufen“. Das wäre es dann aber auch.

Gemäß einem Bericht in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ wird in Deutschland zukünftig weniger ein Mangel an Absolventen, denn an Technikern bestehen. Der Grund: Wenn alle studieren wollen, fehlen die Fachkräfte mit technischer Ausbildung oder Lehre. Dies nur nebenbei.

Welche Verhandlungsposition hat die Generation Y?

Fakt ist, Forderungen können nur Bewerber stellen, die Alternativen haben. Haben die Bewerber diese Alternativen, die starke Verhandlungspositionen ermöglichen? Wohl überwiegend nicht.

In der „Zeit“ war vor einigen Tagen ein Bericht zu lesen, der sich mit den Klischees rund um die Generation Y befasste. Der Titel lautete „ich hoffe nur, nicht abzustürzen“. Sicherheit, das ist es, was die Berufsanfänger anstreben. Eine Karriere im öffentlichen Dienst, das erscheint nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern als ein guter Weg, um aus befristeten Arbeitsverträgen und Dauerpraktika auszusteigen.

In Deutschland waren in 2014 rund 39 Prozent aller abhängig Beschäftigten in Teilzeit, Leiharbeit oder Minijobs tätig, erklärt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Das Statistische Bundesamt sagt etwas anderes, bezieht sich allerdings auf 2013. Der Anteil der atypisch Beschäftigten an allen Erwerbstätigen betrage 21,4 Prozent, was immer noch reichlich viel ist. Insgesamt sollen 7,64 Millionen Menschen betroffen sein. Menschen mit einem sogenannten tertiärem Abschluss (also auch Absolventen) zählen mit zirka 1,6 Millionen dazu.

Ein eher düsteres Bild malt der DGB-Index für junge Beschäftigte. Demgemäß haben 37 Prozent der unter 30-Jährigen ein atypisches Beschäftigungsverhältnis und gerade einmal 28 Prozent der unter 35-Jährigen verdienen in Deutschland mehr als 2.500 Euro brutto.

Eine Generation ohne besondere Eigenschaften?

Ist das eine starke Verhandlungsposition? Wohl eher nur für einige, für die meisten hingegen nicht. Das Bedürfnis der Generation Y und der folgenden Generation nach Sicherheit erscheint angesichts des reichlich unsicheren Umfelds berechtigt. Vielleicht sollten die Unternehmen hier einfach mal mehr Sicherheit geben? Der Geburtenrate könnte es gut tun, denn diese ist laut jüngster Medienberichte mittlerweile die niedrigste der Welt.

In der IBM-Studie „Myths, exaggerations and uncomfortable truths“ sieht die „real story behind Millennials in the workplace“ deutlich anders aus, als regelmäßig durch Kienbaum, Manpower, trendence oder Universum geschildert. Zugegeben, 1.784 Teilnehmer aus zwölf Ländern, das ist nicht sehr beeindruckend und auch diese Studie sollte man deshalb mit spitzen Fingern anfassen.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Generation Y dieselben Erwartungen an Arbeitgeber und Job hat wie die Generationen vor ihr. Dies betrifft auch ihre Gründe, einen Job zu kündigen. Es geht um mehr Gehalt und eine bessere Arbeitsumgebung. Keine Rede von Werten.

Zu einem ähnlichen Ergebnis wie IBM kommt die oben erwähnte Studie der Hay Group. Danach sei die Annahme falsch, dass „jüngere Generationen von ihren Führungskräften erwarten, Sinn und Erfüllung in der Arbeit zu stiften.“ Generation Y fordert von einem Arbeitgeber –zumindest laut Hay Group – nichts anderes als alle Generationen: „eine spannende und herausfordernde Tätigkeit, Möglichkeiten zur Weiterentwicklung sowie Eigenverantwortung und Freiräume.

Warum das Bedürfnis nach Sicherheit?

Generation Y – alles ein Mythos, Bestandteil des Geschäftsmodells von Beratungen und Medien? Ist die Wirklichkeit sehr viel weniger rosig für diese Generation, als die vielen Studien glauben machen? Die Ansprüche mögen da sein und sie sind zu einem guten Teil auch sehr verständlich.

Auf der einen Seite waren die unsicheren beruflichen Laufbahnen der Eltern der Generation Y prägend für einen Teil dieser Generation. Sie hatten dieser gezeigt, dass viele Unternehmen ihren Mitarbeitern weder Loyalität bieten noch Sicherheit zugestehen wollen. Hinzu kommt das eigene Erleben einer höchst unsicheren Arbeitswelt mit einer hohen Veränderungsdynamik. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch die Erfahrungen einer durch die „Helikopter-Eltern“ behüteten Kindheit, die Ansprüche gefördert haben mögen. Aber die Klärung dieser Frage ist eigentlich nicht so wichtig. Fakt ist, dass heutzutage regelmäßig öffentlich über die Frage diskutiert wird, was die Menschen bei der Arbeit motiviert. Vielen Dank, Generation Y. Und weiter so.

Ein Tipp an die Beratungsunternehmen: Warum nicht zur Abwechslung einmal in die Zukunft schauen? Die wird nicht mehr durch Generation Y verkörpert, deren älteste Vertreter sich langsam den 40igern nähern, sondern vor allem durch die Generation Z. Über die gibt es doch auch einiges zu berichten.

Update 11. Juni:

Zu diesem Beitrag erreichte mich via XING folgender Kommentar von Stefan Nette (der zur Generation Y zählt), der einen Blog über die „Generation Y, HR und die Zukunft der Arbeit“ betreibt:

„Ich halte generell nicht viel von allzu stereotyper Betrachtung der Generationen. Der Mensch neigt dazu, vereinfachen zu wollen, um komplexe Themen leicht verständlich zu machen. Leider geht dabei oft ein Teil der Quintessenz verloren. In meinen Augen sprechen wir bei der Gen Y von einer ähnlichen, viel beachteten, Kohorte wie es die 68er Bewegung war. Das heißt: Wir sprechen vielleicht von 25-30%, die diesem Bild tatsächlich entsprechen.

Die 68er waren der sich in den Fokus rückende Teil einer Generation, dieser Teil stand ein für eine (mehr oder weniger) nötige Veränderung in der Gesellschaft. So ähnlich sehe ich auch uns, als Speerspitze, die sich aktiv einsetzt für Veränderungen in der Arbeitswelt. Aber sind nun alle von 80-95 geborenen so? Ich denke nicht.

Insofern bin ich eher dafür, auch den einzelnen zu betrachten statt immer nur Stereotype drüber zu ziehen, weil es ja so viel einfacher ist. Ob die Gen Y am Ende etwas bewegt hat, wird die Zukunft zeigen und auch ob die Gen Z da mitzieht ist ein wichtiger Faktor, denn wenn die Nachfolgenden unsere Errungenschaften nicht annehmen, dann werden Sie ganz schnell wieder verschwinden.“

Titelbild: Hay Group

HayGroup_2
Infografik by Hay Group

3 comments on “Das geschäftsfördernde Klischee von der besonderen Generation Y

  1. Hi Helge,

    teile in vielen Punkten Deine Meinung, die ich auch in vielen Gesprächen mit jungen Menschen aus der Generation Y (inkl. meiner Kinder) führe. Ich ‚predige‘ über ihre großartigen Optionen, die sie haben, aber lande nicht, denn viele sind sich über ihre beruflichen Perspektiven sehr unsicher. Nicht umsonst wollen so viele aus der Generation Y im öffentlichen Dienst arbeiten.

    Und Stereotype helfen ohnehin nicht weiter. Einen Stempel auf eine Generation zu drücken, macht nie Sinn.

    Gruß
    Frank Schabel

    1. Hallo Frank,

      vielen Dank für Deine Antwort und Deine Meinung. Die hat Gewicht, denn Du hast reichlich Erfahrung in HR und Hays ist nicht irgendein Player im Markt. Stimmt, die üblichen Stereotype („Generation Y hat Ansprüche“, „Baby Boomer sind Workaholics“) sind wenig nützlich. Denn sie geben den Personalern die falsche Sicherheit, alles über eine Generation zu wissen. Für das Employer Branding kann so etwas schlechte Folgen haben, wie die Praxis zeigt.

      Ich sehe es ebenfalls so, dass ein Teil der Generation Y sehr unsicher ist und folglich eher auf Sicherheit geht und nicht an die „großartigen Optionen“ glaubt. Woran das liegt, das wäre ein gutes Diskussionsthema. Ein Grund wäre aus meiner Sicht die Vielfalt an Optionen, gekoppelt an das Bedürfnis, beruflich keine Fehler machen zu dürfen.

      Beste Grüße, Helge

Comments are closed.