Handwerk wenig beliebt: Wo Azubis arbeiten wollen.

Handwerk und Industrie haben keine guten Karten bei zukünftigen Auszubildenden. Gefragt sind kaufmännische Berufe (44 Prozent), mit Menschen (39 Prozent) und kreative Berufe (38 Prozent). Auch technische und IT-Berufe stehen nicht gut in der Gunst der potenziellen Azubis da. Das Schlusslicht bilden Ernährungs- und Gastronomieberufe mit 13 Prozent. Zu diesen Ergebnissen kommt die Lehrstellenbefragung 2015 von meinestadt.de unter 1.136 Nutzern des Lehrstellenmarktes, durchgeführt im Oktober 2014 bis Januar 2015.

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Rund 60 Prozent der Befragten hatten die Schule bereits beendet. Der geplante oder erreichte Abschluss war bei 34 Prozent der Befragten die Fach-/Hochschulreife, bei 37 Prozent die Mittlere Reife / Realschulabschluss und bei 20 Prozent der Hauptschulabschluss. 75 Prozent der Befragten gaben an, bevorzugt online nach Ausbildungsangeboten zu suchen. Das ist vielleicht kein Wunder bei Besuchern von meinestadt.de, die an einer Online-Befragung teilnehmen. Die Studie „Azubi-Recruiting Trends 2014″ von u-form Testsysteme kommt da zu einem anderen Ergebnis, siehe folgendes Chart.

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Wenig verwunderlich ist auch ein anderes Ergebnis der Umfrage. Fast 60 Prozent der Befragten suchen gemäß meinestadt.de nach einem Ausbildungsplatz in ihrer direkten Umgebung. Das war schon immer so, auch wenn sich laut der Studie „Azubi-Recruiting Trends 2015″ von u-form Testsysteme ein Umdenken abzuzeichnen scheint. Demgemäß wären 28 Prozent der Azubis bereit, für den Ausbildungsplatz umzuziehen.

Laut meinestadt.de sind es nur 18,5 Prozent. Rund 28 Prozent der Befragten würden bis zu 10 Kilometer pendeln, knapp 32 Prozent bis zu 20 Kilometer, knapp 23 Prozent bis zu 30 Kilometer, so meinestadt.de.

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Folgt man diesen Ergebnissen der hier zitierten Studien, dann sehen die Chancen von Unternehmen „auf dem platten Land“ düster aus, passenden Nachwuchs zu finden. Nicht nur die geringe Mobilitätsbereitschaft der Azubis dürfte den Unternehmen zu schaffen machen. Beim Handwerk kommen handfeste Imageprobleme hinzu. Natürlich ist es problemlos möglich, kreativ im Handwerk zu arbeiten. In einigen Gewerken ist das sogar ausgesprochen förderlich für das Geschäft. Kreativagenturen haben hier kein Monopol. Auch hat das Handwerk in der Regel mit Menschen zu tun. Und zwar sehr direkt. Und kaufmännisch denken sollte man im Handwerk tunlichst auch.

Allerdings sind es vielfach keine Bürojobs, die das Handwerk bieten kann. Man muß wirklich mit den Händen arbeiten und mehr tun, als eine Maus über einen Schreibtisch zu schieben. In manchen Ausbildungsberufen muß man sogar damit rechnen, dass die Hände schmutzig (!) werden könnten. Obwohl dies längst nicht für alle Gewerke gilt. Und hier denke ich nicht nur an Augenoptiker oder Hörgeräteakustiker. Das Handwerk hat ein Imagedefizit, das auch die Kampagne „Das Handwerk“ nur langfristig ändern kann. Sinnvoll wäre es, wenn Eltern, Lehrer und nicht zuletzt die Arbeitsagenturen bei diesem Umdenken mitwirken würden. Das wird aber nur passieren, wenn die Handwerksunternehmen vor Ort aktiv werden. Die Kampagne „Das Handwerk“ allein kann es nicht richten.

Erschwerend für Handwerk und Industrie kommt hinzu, dass laut dem Bericht „Bildung in Deutschland 2014“ der „Trend zum Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung“ ungebrochen ist. Mittlerweile haben 57 Prozent der Absolventen eine Hochschulzugangsberechtigung. Nun verlangen zwar viele Unternehmen für eine Ausbildung den Nachweis ebendieser Qualifikation, auch im Handwerk . Die Frage ist nur, wie lange Abiturienten im (Handwerks-)Job bleiben, nachdem sie die Ausbildung abgeschlossen haben. Mittlerweile hofft so mancher Handwerksunternehmer auf die Studienabbrecher, die es zwangsläufig geben wird. Und die dann auf Jobsuche sind.