Was eine „gesunde“ Unternehmenskultur wirklich ausmacht

Gestern hatte ich unter dem Titel „Die Top 10 Faktoren der Jobmotivation“ eine Mitteilung der ManpowerGroup Deutschland zu deren Studie „Arbeitsmotivation 2015“ vorgestellt. So ein Listicle liest sich zwar flüssig, die Aussagen werden deshalb aber nicht unbedingt zutreffender. Die Pressemitteilung von Manpower möchte ich kommentieren. Der Grund: Hier werden Motivationsfaktoren in einem Ranking vermischt, die unterschiedlich zu gewichten sind.

„Wertschätzung, Anerkennung und ein harmonisches Miteinander (bleiben) die entscheidenden Faktoren für die Motivation der Mitarbeiter“, meint Herwarth Brune, Vorsitzender der Geschäftsführung der ManpowerGroup Deutschland. Recht hat er. Alle Studien zu den zwei Fragen, warum Mitarbeiter im Unternehmen bleiben oder warum sie gehen, kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Es ist die Unternehmenskultur. Diese drückt sich in ganz unterschiedlichen Facetten aus.

Ein wichtiger Bestandteil ist die Führungskultur. Man denke an die bekannte HR-Weisheit „Menschen kommen wegen des Jobs und gehen wegen des Chefs“. Zu einer bestimmten Kultur zählen auch die kleinen Gesten der Wertschätzung, die im Ranking von Manpower eine erhebliche Rolle spielen. Wenn sie denn ernst gemeint sind. Diesen Eindruck erwecken sie nicht immer. So können guter Kaffee und knackiges Obst auf die Dauer nicht die negativen Effekte schlechter Führung kompensieren.

Warum zeigen die Kritiken auf kununu in schöner Regelmäßigkeit, dass die Ex-Mitarbeiter zwar mit den Kollegen im Job zufrieden waren, aber nie mit den Führungskräften? Wertschätzung ist sehr wichtig – und die drückt sich nicht nur durch nette Gesten aus. Eine Studie hatte vor einigen Jahren das „erstaunliche“ Ergebnis gebracht, dass Chefs ihre Mitarbeiter am besten motivieren können, wenn sie sie ihre Arbeit machen lassen. Das klingt simpel, trotzdem ist es in einigen Unternehmen ein Problem.

Laut einer Umfrage von Rochus Mummert befinden sich Unterstützung und Anerkennung ganz oben auf der Motivationsskala (s. Personalmagazin 04/2015, S. 21), was mit den Erkenntnissen von Manpower übereinstimmt. Dazu zählt, Leistung anzuerkennen, die Mitarbeiter als Menschen zu behandeln, nicht als Kostenfaktoren. Eine „gesunde“ Unternehmenskultur würde sich dadurch auszeichnen, dass den Mitarbeitern Heimat und Perspektive geboten würden.

Heimat und Perspektive, das scheint Manpower für die eigenen Mitarbeitern nicht unbedingt anzustreben, wie ein gestern veröffentlichter Bericht in der ZEIT zeigt. Wer seine Mitarbeiter so behandelt, sollte sich mit Studien über Motivation zurückhalten. Da gibt es eine Glaubwürdigkeitslücke, um es einmal ganz vorsichtig auszudrücken. Aber dies nur nebenbei.

Rochus Mummert wertet die folgenden Heimatfaktoren als wichtig: „Fairness“, „Ausgewogenheit“, „Wertschätzung“, „Anerkennung“ und „Anspruch an die Arbeitsinhalte“. Hinzu kommen die zwei Kompensatoren „Entlohnung“ und „Karriere- und Wachstumsperspektiven“. Für eine gelungene Unternehmenskultur seien die einfachsten Formen des zwischenmenschlichen Umgangs die wichtigsten. Genannt wurde das „gegenseitige Grüßen auf den Bürofluren“. Indikatoren für eine solche Kultur seien transparente Unternehmensziele, vielfältige Weiterbildungs- und Entfaltungsmöglichkeiten, eine Kultur der Anerkennung, eine produktive Konfliktkultur und ähnliches (Personalmagazin 04/2015, siehe auch hier).

Manpower mischt in der Studie „Arbeitsmotivation 2015“ munter Äpfel mit Birnen. Pflanzen im Büro, ansprechende Räume, kostenlose Getränke oder guter Kaffee, das ist qualitativ etwas anderes als ein gutes Arbeitsverhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten oder eine wertschätzende Führungskultur. Auf der einen Seite geht es um austauschbare und jederzeit von anderen Unternehmen zu toppende Benefits (bei uns gibt es besseren Kaffee…), auf der anderen Seite sind unternehmensspezifische Eigenschaften genannt. Benefits sind nicht ohne weiteres motivationsfördernd. Und: Es kann sinnvoll sein, Benefits in der Arbeitgeberkommunikation gegenüber bestimmten Zielgruppen zu betonen. Im Employer Branding aber sollten sie ebensowenig eine Rolle spielen wie die Erkenntnisse der vielfältigen Studien zu den Vorlieben gesuchter Bewerbergruppen.

Insofern ist die Studie von Manpower nur begrenzt aussagekräftig. Allerdings können Kaffee, Pflanzen, gute Büromöbel oder ansprechende Raumgestaltung Zeichen der Wertschätzung und auch der Anerkennung der Leistungen der Mitarbeiter sein. Insofern liegt Manpower mit dem Ranking nicht völlig falsch. Aber die Messlatte für eine „gesunde“ Unternehmenskultur liegt doch deutlich höher und die Kriterien sind andere, als in der Umfrage „Arbeitsmotivation 2015“ abgefragt. Dass bei der Motivation in den deutschen Unternehmen immer noch sehr viel Luft nach oben ist, zeigt der Gallup Engagement Index jedes Jahr aufs Neue.

Wer sich für Benefits / Gesten der Wertschätzung in Unternehmen interessiert, sollte sich die bei FeelGood@Work gelisteten Unternehmen anschauen. Da findet sich noch einiges mehr als Getränke und Büromöbel.